Beginn der Volksaufstände gegen die Franzosen im Frühjahr 1799
Die wichtigsten Kämpfe der feindlichen Armeen wurden in der Nähe der Stadt Zürich sowie in Glarus, Uri, Schwyz, Graubünden und Wallis ausgefochten. Bald errang die eine, bald die andere Partei Erfolge. So kam es nzu Vorstößen, Rückzügen, neuen Vorstößen und abermaligen Rückzügen der gegnerischen Heere.
Was dachten und taten die Schweizer? Die einen hielten eifrig zu Frankreich, die andern ebenso entschieden zu Österreich. So erzählt ein Pfarrer:
«Ich habe gegenwärtig zwei Schwerkranke in meiner Gemeinde. Der eine hofft, noch den Untergang der Kaiserlichen (der Österreicher) zu erleben, der andere dagegen den der Franzosen. Die leidenschaftliche Parteisucht verfolgt die Menschen bis ins Grab.»
Einige Tausend Schweizer kämpften, teils freiwillig, teils gezwungen, an der Seite Frankreichs. Kam eine günstige Gelegenheit, so liefen viele zu den Österreichern über. Ein vornehmer Walliser, der als Freiwilliger im österreichischen Heere bei Ragaz diente, schrieb seiner jungen Frau:
«Die Franzosen haben zahlreiche junge Leute gezwungen, ihnen auf ihrem Rückzuge zu folgen; doch sind ihnen von den beiden Kompanien aus der hiesigen Gegend und aus Sargans nur noch vier Mann verblieben. Der Rest ist, mit Säbeln und Gewehren bewaffnet, wieder zurückgekehrt.Am Walensee fanden sie eine günstige Gelegenheit, um zu entweichen. Viele von ihnen haben sich schon als Freiwillige bei uns gemeldet.»
Der Großteil der Bewohner der Alpen verabscheute die Herrschaft Frankreichs. Das zeigte sich im Frühjahr 1799, als die Nachricht von Dorf zu Dorf flog: Die österreichischen Generäle machen sich bereit, die Franzosen aus Graubünden und aus der Schweiz überhaupt zu vertreiben. In allen Bergtälern begannen die Leute zu hoffen, das Ende der Fremdherrschaft sei da. Sie rotteten sich zusammen, griffen die französischen Posten und Besatzungen an, machten sie nieder oder nahmen sie gefangen, verjagten die verhaßten helvetischen Beamten und plünderten die Häuser der Franzosenfreunde. Kurz, es kam überall zu erbitterten Kämpfen, in Zug, Uri, Schwyz, aber auch im Tessin und ganz besonders im Oberwallis.
Wie die Franzosen und die Helvetische Regierung die Aufstände darniederwarfen
Die Erhebung des Volkes scheiterte, weil die Aufständischen keinen gemeinsamen Plan verabredet und weil sie die Ankunft der Österreicher nicht abgewartet hatten. Zudem unterstützte das Helvetische Direktorium den französischen General (Masséna). Dieser ließ es an Entschlossenheit nicht fehlen. Am 5.April 1799 drohte er:
«Helvetier ! - Die französischen Kommandanten teilen mir mit, daß treulose oder fanatisierte Leute sich gegen die französischen Soldaten zu Gewalttätigkeiten hinreißen lassen und daß in vielen Teilen der Schweiz Aufstandsbewegungen im Gange sind. Warum zerstört ihr die Einigkeit, die zwischen euch und der französischen Armee herrschte? Glaubt ihr, die Armee, die ich befehle, werde kaltblütig zuschauen, wenn ihre Helden feigen Attentätern zum Opfer fallen? Glaubt ihr, ich selbst werde zuwarten und nicht fürchterliche Rache üben? Von heute an mache ich die Gemeinden für alle Vorkommnisse verantwortlich, die sich auf ihrem Gebiete gegen Franzosen ereignen. Blitzschnell werden französische Kolonnen in die Kantone einmarschieren, wo Aufständische sich erheben.»
Mitte April faßte das Helvetische Direktorium einen Beschluß, wie aufrührerische Gemeinden zu behandeln seien:
«Nach der Entwaffnung aller Einwohner versammelt man die ganze Gemeinde. Man bemächtigt sich der Hauptaufwiegler, d. h. derjenigen, welche Lärm schlugen, die Sturmglocken zogen oder mit Moral, Brand und Plünderung drohten. Wer solcher Verbrechen überwiesen ist, wird auf der Stelle von Kriegsgerichten verurteilt. Ferner schneidet man die Seile der Glocken ab. Wenn ein Pfarrer den Aufruhr begünstigt hat, nimmt man ihn gefangen.
Ist eine Gemeinde gebändigt, so läßt man in ihr keine Besatzung zurück, sondern die Kolonne wendet sich ohne Zeitverlust nach einer der andern rebellierenden Gemeinden.››Das Direktorium befahl überdies, die angesehensten ehemaligen Regenten in Zürich, Bern, Freiburg, in den Urkantonen sowie in Glarus und Appenzell festzunehmen. Die Polizei holte sie zum Teil morgens früh aus den Betten. Sie wurden ohne Verhör und Urteil in schweizerische und französische Festungen geworfen. Hier blieben sie als Geiseln monatelang verhaftet. Der allzeit mutige Pfarrer Lavater verfaßte eine Schrift gegen diese Tyrannei. Da kerkerten die Franzosen auch ihn für einige Wochen ein. Nicht lange nach seiner Freilassung starb er an den Folgen einer Verwundung durch einen französischen Soldaten.
Suworoffs Alpenübergang
In Oberitalien hatte der russische General Suworoff über die Franzosen Siege errungen. Eines Tages erhielt er den Befehl, in unser Land einzumarschieren. Er sollte die Franzosen, die damals vor Zürich standen, schlagen. Suworoff brach auf, aber ungern. Gegen Ende September erreichte er Airolo
und begann den Aufstieg zum Gotthard. Überall griffen rasche französische Soldaten seine Kolonnen an. Nach drei Tagen erreichte er Altdorf. Eine Axenstraße gab es noch nicht, und die Franzosen hatten dafür gesorgt, daß in Flüelen keine Schiffe vorhanden waren. So mußten die Russen samt ihren Kanonen, ihren Pferden und ihrem Troß vom Schächental über den beschwerlichen Kinzigpaß ins Muotatal hinübersteigen. Wie waren dessen Bewohner überrascht, als sie plötzlich sahen, daß der Ausgang des Passes ganz «schwarz wurde von Mannschaften und Pferden». Bald kam es zwischen den Russen und den Franzosen, die im Talkessel von Schwyz standen, zu Kämpfen. Ein Bewohner des Tales berichtet:
«Es war etwas nach 5 Uhr nachmittags. Wir waren eben mit Heusammeln in Hinter-Iberg beschäftigt. Da ertönte aufs Mal vom Tale herauf Kleingewehrfeuer. Wir sagten zueinander: Die Franzosen werden Exerzier – und Schießübungen haben. Wie wir länger hinunterschauten, merkten wir, daß nicht nur exerziert wurde. Plötzlich sprengten auf kleinen Rossen zwei Reiter, mit langen Spießen, Säbeln und einer langen Pistole bewaffnet, den Hügel herauf gegen uns zu. Bald folgten ihnen noch etwa 30 Mann. Der Offizier, der sie führte, kam auf mich zu, öffnete seinen Rock, unter dem ein großes Kreuz auf seiner Brust hing, und sagte halb deutsch: «Wir auch gute Christen; wir Feinde der Franzosen, Sie auch; wir also Freunde.» Ich führte sie zu meinem Hause, da sie zu essen verlangten, und gab ihnen Milch und auf ihren Wunsch Mehl. Da es Feinde der Franzosen waren, gab ich gern.
Die Russen nahmen das Mehl, stellten in der «Milchmutte» einen Teig her, schnitten diesen in kleine Tafeln und sotten selbe im großen Sennkessel mit Milch. Dieses neue Gericht wurde, kaum gekocht, mit Heißhunger verzehrt. Der Offizier kam dann wieder zu mir, dankte, gab mir einige Silberstücke und meinte, sie hätten schon lange nicht mehr so gut gegessen. Sie übernachteten bei uns. Wir anerboten uns, ihnen im Hause Platz zu machen und im Stall zu schlafen. Sie wollten aber nicht, sondern banden ihre Pferde im Stalle an und legten sich neben sie nieder.»
Den über siebzigjährigen Suworoff trugen vier Schwyzer Bauern. Er und seine obersten Offiziere verlangten und erhielten im Frauenkloster des Tales Quartier. Bald vernahm er mit Schrecken: Die Franzosen beherrschen nicht nur den Ausgang des Tales, sondern haben auch die Russen vor Zürich geschlagen und zum Abzug über den Rhein gezwungen. So blieb Suworoff nichts übrig, als über den Pragelpaß ins Glarnerland auszuweichen. Hier erfuhr er, daß die Franzosen den Ausgang dieses Tales ebenfalls besetzt hielten und sperrten. Deshalb sah er sich gezwungen, mit seinem Heer überden tief verschneiten Panixerpaß ins Vorderrheintal hinüberzuziehen.Nachts erfroren Hunderte von Soldaten in der eisigen Bergkälte. Auch ging ein großer Teil der Tiere an Hunger und Erschöpfung zugrunde, und die Kanonen mußte man in die Abgründe stürzen. Als Suworoff von Airolo aufgebrochen war, befehligte er ein Heer von 21‘000 Mann. Als er in Chur eintraf, zählte es noch 15‘000 Mann.
An einer Felswand der Schöllenenschlucht erinnert eine Inschrift noch heute an den Durchzug der Russen.
Wie die fremden Heere in unserem Lande hausten – ein Überblick
Die fremden Soldaten, im ganzen 150‘000 Mann, und Zehntausende von Zug-, Reit- und Lasttieren lebten fast allein von dem, was sich auf den Feldern und Äckern, in den Häusern, Speichern und Kellern unseres Landes finden ließ. Russen und Österreicher bezahlten einen Teil dessen, was sie
wegnahmen. Die Franzosen aber, die dem Namen nach mit den Schweizern verbündet waren, vergüteten nichts. Ja, sie erpreßten noch gewaltige Geldsummen. Die Eindringlinge begnügten sich zudem sehr oft nicht damit, das zu nehmen, was sie brauchten, sondern sie verdarben und schändeten noch vieles. Übermütige französische Soldaten stachen zum Beispiel Kühe nieder, schnitten ein paar Stücke Fleisch heraus und ließen alles Übrige liegen. Oder sie leerten die Käsespeicher auf den Bergen, aßen und nahmen so viel mit, als sie konnten, zersäbelten den Rest und warfen ihn den Schweinen vor. Und die Butter, die sie nicht an Ort und Stelle zu verzehren
vermochten, schmelzen sie nutzlos am Herdfeuer oder verwendeten sie zum Salben der Schuhe.
Das Volk litt überdies unter den verheerenden Feuersbrünsten und den ungezählten Gewalttaten der Soldaten, wiederum vor allem der französischen. Schwer drückten auch die Schanzarbeiten, Fuhrungen und Trägerdienste, zu denen die Schweizer gezwungen wurden. In den Urkantonen mußten Männer, Frauen und Kinder den Soldatenkolonnen oft tagelang die Lebensmittel nachtragen, die man in ihren Häusern und Scheunen geraubt hatte.
In den Berggegenden floh ein großer Teil der Bewohner. Andere, besonders Kinder, Frauen und Greise, irrten angstvoll auf den Alpen herum. Zuweilen sahen sie von hier aus, wie ihre Heimstätten in den Tälern geplündert oder eingeäschert wurden.
Drangsal in den Waldstätten
Unterstatthalter Meyer in Andermatt klagte:
«Man stiehlt und schlachtet Vieh; man plündert auf offener Straße; man mißhandelt die armen Leute und raubt das Heu aus Scheunen und Ställen. Ehemals haben die Bewohner unseres Tales mit Pferden und Ochsen einen Teil ihres Brotes verdient. Allein seit dreizehn Monaten mußten der Säumer mit seinen Pferden und der Schlittenknecht mit seinen Bergochsen immer nur für die französische Armee fronen. Der Säumer verlor hiebei durch Unglück und Raub den bessern Teil seiner Pferde. Oft kaufte er seine geraubten Tiere zurück. Bald wurden sie ihm aber von neuem entrissen. Von 220 Pferden haben wir im Tal Urseren noch zwölf. Im letzten Winter waren 40 Bergochsen mit dem Transport der fränkischen Waren beschäftigt; nun bleiben uns noch zwei; vielleicht sind sie aber auch schon geschlachtet. Was soll aus uns werden, wenn sie uns noch die wenigen Milchkühe rauben?»
Aufzeichnungen aus Schwyz:
«Dieser Tag (der 29.Mai 1799) war für das ganze Muotatal ein Tag des Schreckens; denn die Franken taten sehr wild und erlaubten drei Stunden lang zu plündern, ausgenommen im Kloster. Die meisten Einwohner flüchteten auf die Berge und ließen all ihren Hausrat im Stich. Melk Wiget wurde mit dem Gewehr in der Hand gefangengenommen und gleich erschossen.
Auch Friedli Gwerder wurde erschossen. . .»
«Ende September standen im Flecken Schwyz 53 Häuser immer noch ganz leer. Von den 125 bewohnten Gebäuden gab es 62, in denen nur einzelne Weibsbilder hausten.
Am 3.Oktober mußten fünfzig Mann zur Begrabung der Toten im Muotatal gestellt werden. Am folgenden Tage verlangte der Platzkommandant von Schwyz 200 Mann zum Wegtransport der Verwundeten. Um Heu herbeizuschaffen, wurden täglich 50 Mann gebraucht. Die Franzosen beanspruchten fast immer die Hälfte der Einwohner zu Dienstleistungen.››Ein helvetischer Beamter (Zschokke):«In den Waldstätten blieben viele Wiesen wegen der Flucht ihrer Besitzer ungemäht. Eine ungeheure Menge Hornvieh wurde geraubt. So wird man im nächsten Summer nicht einmal mehr alle Alpen befahren können.Gibt es denn kein Gesetz, mit dem man die französischen Befehlshaber zwingen könnte, ihre Bundesgenossen (die Schweizer) mehr zu respektieren ?»