Vom Elend in der Linthebene – Überschwemmungen, Sümpfe, Krankheiten
Wer heute Walenstadt oder Weesen besucht, der freut sich an den sauberen breiten Straßen und den schmucken Häusern. Wie anders sah es hier und in der Umgebung vor 150 oder 160 Jahren aus! Im Januar 1799 schrieb ein Arzt von Walenstadt an das Helvetische Direktorium:
«Sobald nach langen Regentagen der Walensee anschwillt, gleicht Walenstadt einer Insel. Oft ist eine halbe Quadratstunde unter Wasser. Noch ist viel guter Boden, aber gewiß nicht mehr lange. Wo man vor kaum fünfzig Jahren die schönsten Obstbäume gesehen hat, da kann man nun keinen Fuß mehr hinsetzen; denn an ihrer Stelle wächst Schilfrohr. Wo Schafe und Kühe weideten, da findet man nun einsame Halmnester der Wildenten wie Inselchen hervorragen. Noch lebende Männer erinnern sich, daß man da Kirschen pflückte, wo nun ewiger See ist oder Erlen und Weiden wachsen. In größerer Entfernung vom See ist das Elend noch nicht so groß, doch werden die Güter auch hier immer sumpfiger»
Ein Zeitgenosse berichtete weiter:
«Die Straßen von Walenstadt und Weesen sind im Sommer nur noch für Schiffe brauchbar. Man kann die großen Marktschiffe durch die Stadttore bis in die höheren Gassen fahren sehen. Die Überschwemmung flutet in die Erdgeschosse der Häuser. Ja, sie steigt da und dort bis in die ersten Stockwerke, und dann werden deren Fenster als Haustüren gebraucht. Sinkt die Flut, so entwickelt die Sommerhitze im zurückgelassenen Schlamm und in den scheusslichen Pfützen, in denen Kröten und verfaulende Pflanzen herumschwimmen, verpestende Dünste und ekelhafte Insekten. Traurig und matt schreiten die Menschen auf hingelegten Brettern durch diesen vergiftenden Schlamm. Die blassen wandelnden Schatten haben allen Mut und alle Tatkraft verloren. Sie schöpfen nach dem hohen Wassergange nicht einmal die Pfützen weg, die sich in den Erdgeschossen ihrer stinkenden Wohnungen gebildet haben. So entsteht in dem tragen Moraste und den faulenden Wassern ein Krankheitsstoff. Dieser teilt sich der gefangenen Luftmasse zwischen den Gebirgen mit. Darum grassieren die immer gefährlicheren Wechsel- und Faulfieber nicht nur in Walenstadt und Weesen, sondern auch in den großen Dörfern zwischen dem Walen- und dem Zürichsee.»
«Alljährlich, wenn der Frühling wiederkehrt, sind die Dörfer voll von schlotternden Fieberkranken, die ein Jahrzehnt früher als die Bewohner des Kerenzerberges altern und sterben.»
Ein Pfarrer von Niederurnen klagte:
«Es preßt mir manchen Seufzer aus, wenn ich Hausväter und Hausmütter oft jahrelang wie Totengerippe, blaß und abgezehrt, herumschleichen und nicht selten durch verkehrte Gegenmittel lebenslänglich elend werden sehe.»
Eine Bevölkerung von 16 000 Seelen litt schwer unter dieser Krankheit, einer Art Malaria. Denn die ganze Ebene zwischen Zürich- und Walensee und oberhalb Walenstadt hatte sich in einen ungeheuren Sumpf verwandelt, in «eine öde Fläche voll Modergeruch und Froschgeschrei».