Von den Kämpfen im Grauholz und vom Einmarsch der Franzosen in die Stadt Bern
Die Nacht vom 4.auf den 5.März ist empfindlich kühl. Der Mond scheint und die Sterne funkeln. Am Waldrand im Grauholz brennen Feuer. An einem von ihnen sitzt der greise Schultheiß von Steiger zwischen seinem Kammerdiener und Korporal Dubi. Der General und einige Dragoner Offiziere leisten ihm Gesellschaft.
Ungefähr um 4 Uhr morgens hört man im Grauholz aus der Richtung von Solothurn her die französischen Kanonen donnern. Schauenburgs Hauptmacht hat eine Stunde südlich dieser Stadt genächtigt und beginnt jetzt den Vormarsch. Seine Vorhut steht bei Bätterkinden, etwa eine Viertelstunde von der bernischen entfernt. Um 6 Uhr empfangen diese vorgeschobenen Truppen Berns eine starke französische Patrouille mit Kanonenschüssen. Sie stiebt auseinander; allein nun rücken ganze Verbände französischer Soldaten nach. Bald kämpfen auf dem Tafelfeld von Fraubrunnen, das leicht umgangen werden kann, 1500 Berner unerschrocken gegen eine zehnfache Übermacht. Einem Kanonier, der den Wischer führt, reißt eine Kugel die zwei ersten Finger der rechten Hand weg. Er ruft wehmütig: «Herr Jeses, jetz chan i nit meh säye.» Doch faßt er sich, bindet sein Taschentuch um die verstümmelte Hand, greift von neuem nach dem Wischer und tut seinen Dienst, bis der Kommandant den Rückzug befiehlt.
Im Grauholz erdröhnt der Lärm der Geschütze und Gewehre immer lauter und lauter, ein Zeichen, daß sich die Berner zurückziehen. Ungefähr um 9 Uhr wälzt sich von Urtenen her ein ganzer Schwall von Flüchtigen: Fußgänger, Reiter, Landstürmer ohne Habersäcke (Tornister), viele in bloßen Hemdärmeln, inmitten von Munitions - und andern Fuhrwerken, alles wirr durcheinander.
Jetzt greift ein Teil der Truppen im Grauholz in den Kampf ein. Sie bedienen ihre Kanonen geschickt und kaltblütig. Andere aber verlassen feige und vorzeitig den Platz oder halten, während der Feind mit Kanonen «drein donnert, das Gewehr untätig im Arm, ziehen Gebetbücher oder Branntweinflaschen hervor, um sich Mut zu machen, und erwarten, mit gefalteten Händen, gleich armen Sündern, den Tod.»
Schultheiß von Steiger steht auf einer gefällten Eiche. Er hofft, eine feindliche Kugel treffe - und erlöse - ihn. Er wartet aber umsonst. Rechts und links ist alles geflohen bis auf fünfzehn Mann. Da ermahnt Korporal Dubi den Schultheißen: «Wenn wir uns da nicht fortmachen, werden wir gefangen» Hierauf steigt der Gewarnte mit seinen Begleitern in die Kutsche und fährt stadtwärts.
Die Berner müssen sich ständig weiter zurückziehen. Wie wohl käme es ihnen jetzt, wenn die Mannschaften aus St. Gallen, Glarus, Schwyz und Uri, welche die Nacht in Worb zugebracht haben, zu Hilfe eilten ! Ein bernischer Offizier hat sie am Morgen früh hiezu aufgefordert. Sie haben sich jedoch geweigert und beschlossen, durch das Emmental und das Entlebuch «in ihr liebwertes Vaterland» zurückzukehren.
Auf dem Breitfeld gelingt es dem General, 700 oder 800 flüchtige Soldaten und Landstürmer zu sammeln und noch einmal einigen Widerstand zu leisten. Von Erlach ist außer Fassung. Wie sinnlos reitet er unter den Leuten herum. Bald schlägt er mit dem Degen nach einem, der ihm nicht am rechten Platze zu stehen scheint. Bald reicht er dem gleichen freundlich die Hand.
Nun taucht die französische Artillerie auf. Die ungeordneten bernischen Scharen geraten zwischen zwei Feuer und ergreifen die Flucht. Einzelne Berner kämpfen jedoch auf eigene Faust weiter und antworten mit ihren Batterien dem Donnern der französischen Kanonen. Plötzlich sprengt mitten durch das Gewirr und die sausenden Kugeln ein junger bernischer Offizier daher und überbringt Schauenburg die Kapitulationsurkunde. So wird der verlorenen Stadt ein Bombardement erspart.
Um halb 2 Uhr wehen weiße Fahnen und Tücher von ihren Kirchtürmen und Fenstern herab. Die Franzosen marschieren durch das untere Tor über die Nydeckbrücke. Der Himmel strahlt, und die Frühlingssonne scheint, wie wenn der 5.März ein Tag wie irgend ein anderer wäre.
In der Stadt ist es totenstill. Es ist, als ob sie einen Augenblick den Atem anhielte. Plötzlich aber füllen die siegreichen Franken die leeren Straßen mit Trompetengeschmetter und klingendem Spiel. Der Einzug dauert bei zwei Stunden. Alle Truppen marschieren auf dem Waisenhausplatz auf. Die
Fenster ringsum sind Kopf an Kopf mit Zuschauern besetzt, die das Unerhörte sehen wollen. . .
Im Verlaufe des Nachmittages verwandelt sich die bisher so sauber gehaltene Stadt. Augenzeugen berichten: «In den Arkaden, wo sonst elegant gekleidete Frauenzimmer mit vornehmen Herren lustwandelten, erblickt man nichts als fränkische Gesichter und Kavallerie, die ohne Scheu hier durchtrottet. - Ja, an vielen Orten werden Pferde in die Lauben eingestellt. Bald sind diese voller Kot und Mist. - Auch die Straßen sind so verunreinigt, daß man sie nicht ohne Herzeleid ansehen kann. Kirchen werden zu Ställen oder Magazinen umgeschaffen. Kurz, alles, was man sieht und hört, erinnert uns an unsern Fall.»
Allen aufrechten Bernern fiel der Untergang der Stadt zentnerschwer aufs Herz. So schrieb Karl Ludwig Stettler, der Sohn des ermordeten Obersten Stettler, in seinen Erinnerungen:
«Als ich die Husaren über die Brücke in die Stadt ziehen sah, stand ich wie vernichtet da. Mit tiefem Schmerz sagte ich mir: So ist es also dahin, das liebe, hohe, so lange gewaltige Bern, der Stolz, das Glück meines Lebens; dahin der mit dem Blute tapferer Väter errungene und sechshundert Jahrelang behauptete Ruhm, während welcher Zeit nie ein Feind in seine Mauern gezogen !»