Von den Leiden im östlichen Mittellande

Ende Juli 1799 beschwerten sich einige zürcherische Gemeinden beim heivetischen Direktorium:

«Nachts um 10 Uhr fielen französische Husaren in unsere Hütten. Sie erbrachen sämtliche Wohngebäude und alle Kisten und Kästen, nahmen, was sich in ihnen befand, und machten das nicht Passende unbrauchbar. Die Leintücher zerrissen sie; viele Betten schnitten sie auf und leerten die Federn aus. Der Hausrat ist weg. Drei bis vier Familien müssen in einer Pfanne kochen. Einem Richter forderten sie, mit der Flinte auf der Brust, Geld ab; den Bürgern entrissen oder zerstreuten sie beinahe alle Schriften, so Tausch-, Kauf- und Gültbriefe. Auch raubten sie nachts das meiste Vieh aus den Ställen. Pflüge, Wagen und Karren führten sie weg, um die Eisenteile zu bekommen. Sie verbrannten Frucht- und Eichbäume, beraubten die Tannen der Rinde, so daß ganze Wälder zugrunde gerichtet sind. Kirschbäume, welche die Franzosen nicht besteigen konnten, hieben sie nieder, um die Kirschen bequemer pflücken zu können.

Als sich in Siebnen zwei Bauern den Untaten Widersetzen wollten, schossen Soldaten sie über den Haufen»

Aus einem Briefe Georg Müllers vom 2. Oktober 1799 an seinen Bruder:

Wo die Russen stehen, da ist nicht nur kein Erdapfel, kein Apfel, keine Birne und keine Traube mehr vorhanden, sondern sie richten überdies mutwilligerweise die Reben und die Bäume dergestalt zugrunde, daß auch aufs künftige Jahr an vielen Orten der Herbst größtenteils dahin ist. In den Dörfern und auf den Landgütern wird Nacht um Nacht geplündert. Es könnte leicht zu einem allgemeinen Aufstand gegen diese Räuberhorde kommen. Hätte man uns die Wahl gelassen zwischen ihnen und einem Heuschreekenschwarm » ich glaube, wir hätten den letztern vorgezogen. Das Elend auf dem Lande geht über alle Beschreibung.

Vorgestern forderten sie plötzlich von unserer Stadt 40‘000 dreipfündige Brote, bis auf den folgenden Mittag zu liefern, mit dem Troste, die Franzosen taten das auch! Heute verlangen sie Branntwein und Fleisch. Kurz, wir leiden unter der Geißel einer der schwersten Landplagen. Das Leben wird einem zur Last, und es besteht keine Hoffnung, daß wir es bald wieder mit Freuden genießen werden. - O, wie glücklich sind die, die vor diesem Jammer zur ewigen Ruhe gekommen sind.»

Ein Mitglied des Großen Rates schildert die Zustände im St. Gallischen:«Hausväter, Fabrikanten, die vor zwei Jahren noch zehn, zwanzig und mehr Arbeiter beschäftigten und ebenso viele Familien ernährten,findet man heute mit Weib und Kindern vor den Türen anderer heulend um Brot bitten. Andere, einst ebenso Wohlhabende, fluchen ihrem Schicksal und denen, die es bereitet haben.››Der Regierungsstatthalter des Kantons Thurgau klagte:«Die Forderungen der fremden Heere gehen ins Unendliche. Der Holzaufwand übersteigt alle Begriffe; ganze Waldungen sind schon niedergehauen. An manchen Orten wird die Reihe bald an die Obstbäume kommen. Die Fuhrungen nach Zürich, Basel und oft noch weiter kosten großeSummen und ruinieren die Gemeinden; denn es gehen viele Pferde zuschanden. Die Annen finden keine Unterstützung. Blaß und abgezehrt schleichen ganze Scharen durch die Gassen. Sie starren einen an, gleichgültig, ob man ihnen gebe oder nicht. Sie lachen nicht und weinen nicht.Ganze Haushaltungen wandern aus. Wohin? Allenthalben ins Elend»