Suworoffs Alpenübergang
In Oberitalien hatte der russische General Suworoff über die Franzosen Siege errungen. Eines Tages erhielt er den Befehl, in unser Land einzumarschieren. Er sollte die Franzosen, die damals vor Zürich standen, schlagen. Suworoff brach auf, aber ungern. Gegen Ende September erreichte er Airolo
und begann den Aufstieg zum Gotthard. Überall griffen rasche französische Soldaten seine Kolonnen an. Nach drei Tagen erreichte er Altdorf. Eine Axenstraße gab es noch nicht, und die Franzosen hatten dafür gesorgt, daß in Flüelen keine Schiffe vorhanden waren. So mußten die Russen samt ihren Kanonen, ihren Pferden und ihrem Troß vom Schächental über den beschwerlichen Kinzigpaß ins Muotatal hinübersteigen. Wie waren dessen Bewohner überrascht, als sie plötzlich sahen, daß der Ausgang des Passes ganz «schwarz wurde von Mannschaften und Pferden». Bald kam es zwischen den Russen und den Franzosen, die im Talkessel von Schwyz standen, zu Kämpfen. Ein Bewohner des Tales berichtet:
«Es war etwas nach 5 Uhr nachmittags. Wir waren eben mit Heusammeln in Hinter-Iberg beschäftigt. Da ertönte aufs Mal vom Tale herauf Kleingewehrfeuer. Wir sagten zueinander: Die Franzosen werden Exerzier – und Schießübungen haben. Wie wir länger hinunterschauten, merkten wir, daß nicht nur exerziert wurde. Plötzlich sprengten auf kleinen Rossen zwei Reiter, mit langen Spießen, Säbeln und einer langen Pistole bewaffnet, den Hügel herauf gegen uns zu. Bald folgten ihnen noch etwa 30 Mann. Der Offizier, der sie führte, kam auf mich zu, öffnete seinen Rock, unter dem ein großes Kreuz auf seiner Brust hing, und sagte halb deutsch: «Wir auch gute Christen; wir Feinde der Franzosen, Sie auch; wir also Freunde.» Ich führte sie zu meinem Hause, da sie zu essen verlangten, und gab ihnen Milch und auf ihren Wunsch Mehl. Da es Feinde der Franzosen waren, gab ich gern.
Die Russen nahmen das Mehl, stellten in der «Milchmutte» einen Teig her, schnitten diesen in kleine Tafeln und sotten selbe im großen Sennkessel mit Milch. Dieses neue Gericht wurde, kaum gekocht, mit Heißhunger verzehrt. Der Offizier kam dann wieder zu mir, dankte, gab mir einige Silberstücke und meinte, sie hätten schon lange nicht mehr so gut gegessen. Sie übernachteten bei uns. Wir anerboten uns, ihnen im Hause Platz zu machen und im Stall zu schlafen. Sie wollten aber nicht, sondern banden ihre Pferde im Stalle an und legten sich neben sie nieder.»
Den über siebzigjährigen Suworoff trugen vier Schwyzer Bauern. Er und seine obersten Offiziere verlangten und erhielten im Frauenkloster des Tales Quartier. Bald vernahm er mit Schrecken: Die Franzosen beherrschen nicht nur den Ausgang des Tales, sondern haben auch die Russen vor Zürich geschlagen und zum Abzug über den Rhein gezwungen. So blieb Suworoff nichts übrig, als über den Pragelpaß ins Glarnerland auszuweichen. Hier erfuhr er, daß die Franzosen den Ausgang dieses Tales ebenfalls besetzt hielten und sperrten. Deshalb sah er sich gezwungen, mit seinem Heer überden tief verschneiten Panixerpaß ins Vorderrheintal hinüberzuziehen.Nachts erfroren Hunderte von Soldaten in der eisigen Bergkälte. Auch ging ein großer Teil der Tiere an Hunger und Erschöpfung zugrunde, und die Kanonen mußte man in die Abgründe stürzen. Als Suworoff von Airolo aufgebrochen war, befehligte er ein Heer von 21‘000 Mann. Als er in Chur eintraf, zählte es noch 15‘000 Mann.
An einer Felswand der Schöllenenschlucht erinnert eine Inschrift noch heute an den Durchzug der Russen.