Die helvetische Verfassung
Die Franzosen beschlossen, in der Schweiz eine völlig neue Staatsordnung einzuführen. Peter Ochs hatte sie entworfen. Er hatte hierbei die französische Verfassung zum Vorbild genommen und sie in einigen unwichtigen Punkten etwas abgeändert. Im großen Ganzen sollte also die Staatsordnung Frankreichs nun auch für die Schweiz gelten, für Helvetien. So nannte man unser Land.
Die helvetische Verfassung bestimmte: Es gibt in der Schweiz keine Untertanenlande, keine gemeinen Herrschaften und keine zugewandten Orte mehr; die Bewohner zu Stadt und Land sollen gleichberechtigt sein. - Das ganze schweizerische Gebiet wurde in eine Anzahl von Kantonen gegliedert. Diese Kantone glichen den dreizehn alten Orten aber nicht; denn sie besaßen keine eigenen Regierungen. In Bern gab es zum Beispiel keinen Großen und keinen Kleinen Rat mehr, in Freiburg, Solothurn, Luzern, Zürich usw. ebenso wenig. Und in den Länderorten wurden die Landsgemeinden abgeschafft. Das empörte die Bewohner der kleinen Kantone aufs tiefste. Kein Wunder, daß sie die helvetische Verfassung das «höllische Ochsenbüchlein» nannten.
Die ganze Schweiz erhielt nur eine einzige Regierung. Sie bestand, wie in Frankreich, aus fünf Männern. Man nannte sie Direktoren, und alle fünf zusammen bildeten, ebenfalls wie in Frankreich, das Direktorium. Dieses Direktorium setzte in jedem Kanton einen Regierungsstatthalter ein. Die Regierungsstatthalter ernannten Unterstatthalter für die Amtsbezirke, und die Unterstatthalter bezeichneten für jede Gemeinde einen Agenten.
Das Volk verlor also das Recht, seine nächsten Beamten, seine Gemeindevorsteher und die unteren Richter, selbst zu wählen.
Das Direktorium schlug seinen Sitz in der helvetischen Hauptstadt auf, zuerst in Aarau, dann in Luzern und später in Bern. Neben dem Direktorium amteten in der Hauptstadt ein helvetisches Obergericht und zwei gesetzgebende Räte. (Der eine, der Große Rat, sollte die Gesetze entwerfen, und der andere, der Senat, durfte über sie abstimmen.)
Das Volk erhielt sehr wenig Rechte. Und diese wenigen standen zudem meist nur auf dem Papier. Das zeigte sich gleich bei der Einführung der neuen Verfassung.
Scheinabstimmungen
Die helvetische Verfassung erklärte, das Volk dürfe über sie abstimmen. Allein General Schauenburg teilte den bisherigen Regierungen mit: Wenn das Volk die neue Ordnung verwirft, so werden französische Truppen den betreffenden Kanton besetzen. Was das bedeutete, wußte jedermann: Gewalttaten, Plünderungen und schwere Kosten für den Unterhalt der Truppen. Aus Furcht vor diesen Folgen nahmen die Bewohner der meisten Kantone die Verfassung an.
Den St.Gallern, die sich in einer Kirche versammelt hatten, erklärte der Ratsschreiber von der Kanzel herunter, der Rat sei der Überzeugung, es sei das beste, die Verfassung anzunehmen, denn sonst habe man den Krieg zu gewärtigen «mit allen seinen schauervollen Übeln». Die Befragten sagten also nicht nein. Die meisten verließen die Kirche aber «nicht anders als ein Volk, das sein Glück verloren hat». Man sah Männer mit Tränen in den Augen, und ein Teilnehmer schrieb: «Eine solche Gemeinde ist, so lange St.Gallen steht, nicht gehalten worden.»
Die Kämpfe der Schwyzer bei Rotententurm und Morgarten
Die Bewohner von Uri, Schwyz, Nidwalden, Glarus und Zug wollten trotz allen Drohungen die helvetische Verfassung nicht annehmen.
Wir wissen, es erfüllte sie mit Ingrimm, daß sie nicht mehr zu Landsgemeinden zusammenkommen sollten und daß sie ihre Beamten nicht, wie früher, selbst wählen durften. Auch verletzte es sie, daß ein Verfassungsartikel bestimmte:
«jeder Gottesdienst steht unter der Aufsicht der Polizei. Diese hat das Recht, sich die Lehren und Pflichten, die gepredigt werden, vorlegen zu lassen.»
Bald kamen die Unzufriedenen - Verbot hin oder her - zu Landsgemeinden zusammen. Hier schwuren sie, entblößten Hauptes, mit emporgereckten Händen, «für Erhaltung der katholischen Religion und Rettung der teuren Freiheit Gut, Blut, Leib und Leben zu opfern». Zugleich wählten sie den schwyzerischen Landeshauptmann Alois Reding zum Oberanführer. Reding hatte in Spanien gedient und zählte 34 Jahre.
Wenn Volk und Priester die Landsgemeinden verließen und den Heimweg zu ihren Hütten antraten, so riefen sie: «Das Kreuz Jesu Christi sei unser Freiheitsbaum !»
Unter den Priestern fiel Pater Paul Styger auf. Er erschien hoch zu Roß, den Säbel an der Seite und das Kruzifix in der Hand. Das Volk verehrte und liebte ihn, weil er zugleich ein guter Reiter, ein sicherer Schütze und ein frommer Mann sei.
Bald wurde es in den Werkstätten der Dörfer und in den Hütten der Bauern lebendig. Die Männer besserten Tag und Nacht Gewehre aus, beschlugen Knüttel und Morgensterne, gossen Kugeln und stellten Patronen her.
Ende April besetzte Reding mit etwa 10‘000 Mann die Eingänge zur Urschweiz. Allein er mußte sich bald vor den andringenden Scharen des Generals Schauenburg zurückziehen. Am 2. Mai kam es bei Rotenturm zu einem blutigen Kampfe.
Ein zeitgenössischer Schriftsteller und Politiker (Johann Heinrich Zschokke), der Berichte von Augenzeugen verwerten konnte, schildert diesen Kampf mit folgenden Worten:
«Alois Reding ließ nach dem ersten Abfeuern das sehnlich erwartete Sturmzeichen schlagen. Mit einem Mut, der beinahe an Raserei grenzte, brach nun alles auf, mit gefälltem Bajonett, jauchzend dem Feind entgegen. Die Begierde, mit den Besiegern Europas handgemein zu werden, war so groß, daß sie, allen Gefahren und dem fürchterlichsten Feuer aus tausend Röhren und Schlünden zum Trotz, durch eine Ebene von mehr als 800 Schritt festgeschlossen vordrangen, ehe sie den Feind am Fuße des Berges angreifen konnten. Die Franken schienen einen Augenblick unschlüssig, ob Flucht, ob Widerstand. Es war aber bald entschieden. Das Bajonett der Schwyzer brach die feindlichen Reihen. Ein viertelstündiges Gemetzel, und die Franken ergriffen die Flucht. Binnen einer halben Stunde waren die Schwyzer Meister von den Anhöhen. Die Franzosen büßten viel Volk ein.»
Ähnlich wie bei Rotenturm ging es in einem Gefecht bei Morgarten. Urner und Schwyzer sagten zueinander: «Machen wir's kurz, nehmen wir sie unter die Kolben!»
Der Sieg über die Franzosen entschied jedoch nichts endgültig; denn Schauenburg konnte neue Truppen heranziehen. Die Mannschaften Redings dagegen waren erschöpft. So berief: dieser mit der Kriegsgemeinde, und darauf unterhandelte er mit Schauenburg. Der französische General versprach freien Gottesdienst und Sicherheit des Eigentums, wenn das ganze Volk die Verfassung annehme. Ja, es sollte in diesem Falle auch die Waffen behalten dürfen.
Eine Landsgemeinde in Ibach bei Schwyz stimmte - nach stürmischen Beratungen - den Vorschlägen zu. Nun unterwarfen sich auch die übrigen Kantone und nahmen die Verfassung an. Es blieb ihnen nichts anderes übrig.
Von den Gewalttaten und Plünderungen der Franzosen – ein tapferes Wort Pfarrer Lavaters
Schauenburg hielt sein Versprechen, freien Gottesdienst zu gewähren, schlecht. Vierzehn Tage nach den Kämpfen in Schwyz ließ er nämlich in Einsiedeln eine Kapelle, in der sich ein Marienbild befand, niederreißen. Das sei notwendig gewesen, so behauptete er, um den Fanatismus zu vernichten.
Zum Teil vor, zum Teil nach den Kämpfen bei Rotenturm und am Morgarten begingen die Franzosen in unserem Lande viele üble Gewalttaten. Barbarisch hausten sie zum Beispiel im Kloster Einsiedeln. Hierüber berichtet ein Zeitgenosse:
«Das Kloster ist verwüstet; alle Zimmer sind geplündert, alle Türen erbrochen, alle Kästen und Schränke zerschlagen. Die kostbare Bibliothek ist in dem elendesten Zustande. Ganze Körbe voll Bücher sind zu den Fenstern hinausgeworfen worden. Die Offiziere sind täglich darin und lassen sogar in Körben forttragen, was ihnen gefällt. Auch treten sie auf den kostbaren Handschriften herum, weil sie auf dem Boden zerstreut liegen»
Ein zürcherischer Unterstatthalter mußte dem Helvetischen Direktorium melden, in seinem Bezirke seien rechtschaffene Landleute auf eine empörende Weise mißhandelt worden:
«Den einen Bauern forderten die Marodeurs 10, andern 12 und mehr Louis-d‘or ab. Leute, die ihnen zu trinken gaben, soviel sie auftreiben konnten, wurden noch geschlagen. Das Elend stieg so stark, daß die Einwohner kaum mehr abgehalten werden können, über die Franken herzufallen. Aus der Gegend unweit von Stäfa liefen ebenso traurige Berichte ein. Sechs Landsleute wurden getötet, unter ihnen ein Greis, der friedlich sein Feld pflügte.»
Glaubten die Leute von Stäfa wohl noch immer, daß die Soldaten der französischen Heere ihre wahren Freunde und Bundesgenossen seien ?
Die Freiburger, die sich darüber beklagten, daß ihnen «bald nur das nackte Leben und das Elend» bleibe, fragten vorwurfsvoll «Haben denn nicht das französische Direktorium und General Brune versprochen, Freunde, Brüder und Befreier zu sein ?»
Der tapfere Zürcher Pfarrer Johann Kaspar Lavater aber verfaßte in diesen Tagen eine Schrift mit dem Titel: «Ein Wort eines freien Schweizers an die Große Nation» Er hielt den Franzosen vor:
«Es ist ein Gesetz, geschrieben in aller Menschen Brust, so alt als die Welt, so heilig als die Menschheit: Was du nicht willst, daß andre dir tun, das tue auch ihnen nicht!
Ihr, Franken, kamet als Räuber und Tyrannen in die Schweiz! Ihr führtet Krieg wider ein Land, das euch nicht beleidigte.
Als Räuber führtet ihr die Schätze, die euch nicht gehörten, von den besiegten Städten, besonders von Bern, fort. Ihr sprachet von nichts als Befreiung - und unterjochtet auf alle Weise. Könnet ihr's leugnen?
Ihr hattet ferner die nie erhörte Frechheit, die freien demokratischen Kantone zur Annahme eurer Verfassung mit hohnsprechender Waffenübergewalt zu zwingen! Wie Wölfe über eine Herde Schafe, so fielet ihr über diese friedlichen, harmlosen Hirtenvölklein her, um ihnen ihre goldene Freiheit zu rauben.
Ich ziehe, Franken, den Vorhang weinend über manches; über den ungeheuren Despotisrnus, den sich eure Agenten in der Schweiz erlaubten; über die noch unvergüteten Plünderungen und über die Ermordungen, verübt an einzelnen harm- und wehrlosen Menschen; über die Einquartierungen, die uns heimlich aussaugen und blutarm machen sowie über die Versiegelung und rechtswidrige Wegnahme von einem Teil unseres öffentlichen Schatzes - und über so manches Andere.
Französische Nation - auf allen deinen Blättern sprichst du von Freiheit. Öffne die Augen und befreie uns von dieser Freiheit der Hölle!
Zürich, den 10. 5. 1798 Johann Kaspar Lavater,
Im ersten Jahr der Pfarrer
schweizerischen Sklaverei
Die Kämpfe
Im Sommer 1798 sollten alle Bürger in Helvetien, insbesondere auch die Geistlichen, einen Eid auf die Verfassung ablegen. Die Nidwaldner Geistlichen und die Nidwaldner überhaupt beschlossen, diesen Eid nicht zu leisten. Bald hörte man im Lande singen:
«Wehrt euch für der Väter Glauben,
Der allein uns Wahrheit lehrt!
Laßt euch selben niemals rauben,
Er ist Blut und Leben wert»
Österreichische Generäle hatten dem Schwyzer Kapuziner, Paul Styger, erklärt: Unser Land wird den Urkantonen beistehen, falls Frankreich sie angreift. Styger zählte nun auf österreichische Hilfe. Er wußte nicht, daß der Kaiser, auf den es allein ankam, nichts versprochen hatte. Der Pater erschien «in Jägertracht, mit wehender Feder auf dem Hute und den Säbel an der Seite» in Nidwalden und versicherte den Leuten: «Seid gewiß, daß wir die Franken aus der ganzen Schweiz vertreiben und bis zum Neujahr unsere Erdäpfel miteinander in Paris schälen werden.» So begannen die Nidwaldner zu hoffen, der Tag der Befreiung sei nahe.
Nachdem sie den Eid auf die Verfassung verweigert hatten, bereitete Schauenburg einen Feldzug gegen das Ländchen vor. Die Nidwaldner erschraken nicht, sondern ernannten einen Kriegsrat und rüsteten sich zum Kampfe. Sie stellten ihre Jagdflinten instand und gossen auf dem Dorfplatze zu Stans Kugeln. Die Leute brachten Blei, Zinnteller, Kannen und Geld. Natürlich nahmen und verteilten sie auch die Waffen, die es im Zeughause gab.
Seit anfangs September rückten die Franzosen Tag um Tag näher, über den Brünig und durch das Entlebuch her. Schauenburg selbst ritt auf einem stolzen Fuchs, an der Spitze einer Heeresabteilung, in Luzern ein. Der Einmarsch dauerte zwei Stunden.
Im ganzen mag die französische Armee gegen 15‘000 Mann gezählt haben. Ihnen standen 1500 Nidwaldner und 200 Zuzüger aus Uri und Schwyz gegenüber. Paul Styger begleitete seine Schwyzer als Feldprediger.
Weil damals von Luzern nach Stansstad noch kein Landweg führte, mußte Schauenburg versuchen, mit einem Teil seiner Soldaten zu Schiff in das Ländchen einzudringen. Die Nidwaldner schlugen in der Gegend von Stansstad jedoch nicht weniger als vierzehn Angriffe zu Wasser ab. Schließlich gelang den Franzosen die Landung doch.
Nun beginnen die Kämpfe. Die Nidwaldner verrichten Wunder der Tapferkeit. Die Scharfschützen verfehlen ihre Ziele selten. Allein das Laden beansprucht viel Zeit. Einer der Schützen, der nicht mehr stehen kann, kämpft mit drei Gewehren weiter. Knaben laden sie ihm. Anderswo sind sämtliche Männer, die eine Kanone bedient haben, gefallen. Da löst eine Frau die letzten Kartätschen. Dann wird sie niedergemacht.
Schließlich kommt es überall zu schrecklichen Nahkämpfen. Frauen, Töchter, Greise und Knaben streiten, mit Keulen und Sensen bewaffnet, mit. Schauenburg berichtet nach seinem Siege:
«Unsere Verluste sind groß. Das war bei der Hartnäckigkeit dieser bis zur Raserei kühnen Menschen unvermeidlich. Mehrere Priester und leider auch eine große Zahl Weiber sind auf dem Platze geblieben. Es war einer der heißesten Kämpfe, die ich erlebt habe. Man schlug sich mit Knütteln, man vernichtete sich mit Felsstücken, man kämpfte auf dem Wasser. . .»
Nidwalden verlor in diesen Kämpfen ungefähr 400 Menschen, Frankreich wahrscheinlich etwa das Zehnfache. Hunderte und Hunderte von Häusern, Ställen und Speichern, ja oft ganze Ortschaften gingen in Flammen auf. Gewaltige Wolken von Rauch umlagerten und verhüllten die Berge. Nachts durchzündete der Schein des Feuers in einem Umkreis von vier Stunden Wiesen und Wälder, Wiege und Stege so hell, als ob es Tag wäre.
Schauenburg besetzte und entwaffnete die ganze Urschweiz. Die Nidwaldner mußten inmitten ihrer zerstörten Heimstätten mit den verkohlten Trümmerhaufen und den halb versengten Fruchtbäumen den Bürgereid schwören - vor einem Freiheitsbaum.
Ihre Heldenkämpfe waren nicht umsonst. Sie erregten in ganz Europa Bewunderung und stärkten überall den Willen zur Freiheit. Im Auslande hieß es: Wenn es so tapfere Eidgenossen gibt, so kann die Schweiz nicht dauernd geknechtet werden. Ein großer Machthaber - Napoleon - bekannte später:«Die kleinen Kantone sind es, die ich achte; sie hindern mich, die Schweiz wegzunehmen.»