Von den gemeinen Herrschaften
Die verschiedenen gemeinen Herrschaften gehörten bald zwei, bald drei, bald sieben, acht, zehn oder zwölf Orten. Über die Herrschaften Schwarzenburg, Murten und Grandson herrschten zum Beispiel Berner und Freiburger gemeinsam. Die tessinischen Vogteien, Mendrisio, Lugano, Locarno und das Maggiatal, unterstanden zwölf Orten (Karte, Seite 9). – Appenzell konnte nirgends mitregieren, weil es erst im Jahre 1515 als gleichberechtigter Ort in die Eidgenossenschaft aufgenommen worden war.
Die Orte, die ein Gebiet gemeinsam verwalteten, schickten der Reihe nach für je zwei Jahre einen Vogt in diese Herrschaft. Trat ein solcher sein Amt an, so wurden ähnliche Feierlichkeiten veranstaltet wie beim Aufritt eines bernischen Landvogtes. Es wurden auch ähnliche Eide abgelegt. Ein neuer Vogt der Herrschaft Lugano zum Beispiel erklärte in der überfüllten San-Lorenzo-Kirche:
«Ich, N. N. von N., schwöre auf das heilige Evangelium, indem ich die Hand auf das Neue Testament lege, daß ich die Bewohner der Herrschaft Lugano gerecht und den Gesetzen gemäß regieren werde. Ich werde für die Sicherheit der Straßen sorgen und aus all meinen Kräften die Verurteilten, die Verbannten, die Gauner, Mörder, Fälscher und andere Übeltäter verfolgen, sie festnehmen und nach Verdienen strafen lassen. Ich und meine Gehilfen werden von niemandem Geschenke und Ehrengaben annehmen mit Ausnahme von Eß- und Trinkbarem, das in wenigen Tagen verzehrt werden kann. Ich werde auch dafür sorgen, daß alle Satzungen und Vorrechte der Herrschaft Lugano erhalten bleiben.»
Der französische Gesandte in Solothurn schenkt Wein aus und verteilt Geld
Einem aufrichtigen Freunde des Vaterlandes mußte in der Eidgenossenschaft des 18. Jahrhunderts nicht nur die Bestechlichkeit in den Länderorten und in einem Teil der gemeinen Herrschaften mißfallen. Merkwürdige Dinge geschahen zum Beispiel in Solothurn. Hier hielt der Gesandte Frankreichs, der Ambassador, Hof. Im Herbst 1729 feierte man in Solothurn die Geburt eines französischen Kronprinzen. Vor der St.-Ursus-Kirche stand ein künstlicher Brunnen, und ein zweiter fand sich auf dem Riedholzplatz, ein jeder mit vier Röhren. Aus zweien floß roter und aus zweien weißer Wein. Eine gewaltige Menge Volkes aus Stadt und Land drängte sich herzu.
Die Diener des Ambassadors verteilten Gläser. Und nun trank das Volk und schrie: «Hoch lebe der königliche Delphin !>› Gemeint war der Dauphin, der Kronprinz. - «Hoch lebe der Ambassador!›› Oder das Volk jauchzte und sang:
«Wer soll leben?
Der Bassidor soll leben!
Und im Chüng si Buob darneben!
Wer soll leben?
Der Franzos soll leben!
Dem chriege d'Schwizer nit vergeben.
Hundert Johr leb' der Delphin! -
I‘gschenkt het er is guoten Win.
Hundert ]ohr! Hundert johr !
So frisch und g'sund, nach wie zuvor.›>
Nachdem das Volk den gröbsten Durst gelöscht hatte, erschien der Ambassador mit seinem Gefolge auf einem Balkon und warf mit vollen Händen Gold- und Silberstücke unter die Menge. Wie gierige Hunde auf Knochen, so stürzten sich die Schweizer auf das hingeworfene Geld.
Warum schenkte Frankreich in Solothurn Wein aus? Warum warf es Geld unter das Volk ?
Noch weit gefährlicher waren die geheimen Jahrgelder und Pensionen. Selbst Berner Schultheißen und ihre Verwandten erhielten solche und ebenso Basler und Zürcher Ratsherren und unzählige andere schweizerische Politiker.
Der französische König hoffte, die Empfänger würden dafür sorgen helfen, daß er in der Eidgenossenschaft Söldner werben durfte. Auch erwartete er von seinen «Lieblingen und treuen Briefwechslern» Nachrichten, die ihm nützlich sein konnten. - Der französische Gesandte vernahm zum Beispiel alles, was an der Tagsatzung verhandelt wurde. - Zuweilen mußten der Ambassador und der König freilich zufrieden sein; wenn die Geldempfänger Frankreich wenigstens nicht gerade entgegenarbeiteten.
Von Zeit zu Zeit ließ der Ambassador die Schweizer fühlen, daß er sie verachtete. Er wußte, daß die Nachkommen der Helden von Sempach und St. Jakob leicht erschraken. Denn sie fürchteten, es möchte um die «vergoldeten Pillen» aus Frankreich geschehen sein, wenn sie sich unartig betrügen.
Bedenkliche Gegensätze in der alten Eidgenossenschaft
Im 18.Jahrhundert hätte man beinahe meinen können, die Schweizer besäßen kein gemeinsames Vaterland. Denn die Obrigkeit eines Ortes verbot den Angehörigen anderer Orte Kauf sowie Ein- und Ausfuhr von Waren. Auch erhöhten die Regierungen willkürlich Zölle und Wegegelder. Und an den Kantonsgrenzen gab es Schanzen, welche die Reformierten gegen die Katholiken oder die Katholiken gegen die Reformierten gebaut hatten.
Zudem bestanden Gegensätze zwischen den Länder- und den Städteorten. Diese grollten darüber, daß die Länder ihre Mannschaften militärisch nicht mehr recht ausbildeten und keine Geschütze beschafften. Die Sorge für die Verteidigung des Landes blieb also den Städteorten überlassen. Die
Gewehre der verschiedenen Kantone hatten nicht das gleiche Kaliber. Deshalb konnten die Orte sich im Kriegsfall nicht mit Munition aushelfen.
Wenn an der Tagsatzung auch nur ein einziger Stand einem Vorschlage nicht zustimmte, so fiel er dahin. Ja, selbst einstimmig gefaßte Beschlüsse wurden nicht immer durchgeführt.
Erziehung der künftigen Regenten
Glücklicherweise gab es Schweizer, denen die Übelstände im Vaterlande zu Herzen gingen. Zu diesen Männern gehörte der Luzerner Patrizier Franz Urs Balthasar. Er dachte lange über die Mißstände nach, verfaßte dann ein Büchlein und legte in ihm dar:
«Es soll uns mit Schrecken erfüllen, daß unser geliebtes Vaterland auf gefährlicher Straße dem Untergange zuwandert. Man kann ja fast mit Händen fühlen, daß wir dem Ende unserer Freiheit und dem völligen Zerfall ganz nahe sind. Die alte Tapferkeit ist versunken, die Ehre der Nation verflogen und die Armut eingedrungen. Zugleich wuchern Pomp, Übermut und Verschwendung. An den Tagsatzungen fehlt es an Einigkeit; so viele Köpfe, so viele Meinungen»
Wie konnte man dem Unguten begegnen? Balthasar schlug vor: Wir wollen eine vaterländische Erziehungsanstalt gründen und in sie aus allen dreizehn Orten je etwa zehn Jünglinge aus den regierenden Familien aufnehmen. Diese Jünglinge sind während ungefähr drei Jahren gemeinsam
zu erziehen. In dieser Zeit sollen sie die Geschichte der Eidgenossenschaft kennen lernen und Gelegenheit finden, Freundschaften fürs Leben zu schließen.
Kehren sie in die verschiedenen Orte zurück und gelangen sie in die Räte, so werden sie «die Eidgenossenschaft zu einer besseren Einigkeit und Vertraulichkeit bringen». Die Freundschaft unter den regierenden Männern wird also zur Freundschaft unter den regierenden Orten führen. Es wird dann nicht mehr vorkommen, daß ein Ort dem andern den Markt sperrt oder gegen ihn Schanzen errichtet. Im Gegenteil, die Eidgenossen werden sich neu zusammenschließen, den Solddienst aufgeben und das Militärwesen besser ordnen und pflegen; denn «ein Reich kann nicht bestehen ohne Waffen; Waffen aber gibt es nicht ohne Geld». Um dieses zu beschaffen, schlug Balthasar vor, eine Bundessteuer einzuführen. Er schrieb: «Niemand sollte sich weigern, etwas von seinen Einkünften aufzuopfern, um das Vaterland vor dem Sturze zu bewahren»
Die Helvetische Gesellsschaft streut guten, vaterländischen Samen aus
Balthasars Plan, eine eidgenössische Erziehungsanstalt zu gründen, wurde nicht verwirklicht. Sein kleines Buch hatte aber doch wichtige Folgen. Es machte auf viele Schweizer einen tiefen Eindruck. Am stärksten wirkte es wohl auf den Ratsschreiber Isaak Iselin in Basel.
Im Jahre 1760 feierte diese Stadt ein Hochschulfest. Iselin lud ein paar Zürcher Freunde zu sich. Sie sprachen von dem wackeren Luzerner und von dem, was nicht gut war im Vaterlande. Kurz bevor sie wehmütig auseinandergehen wollten, wurden sie einig: Wir treffen uns alljährlich einmal an einem Ort zwischen Zürich und Basel und laden zu diesen «freundschaftlichen Tagsatzungen» auch Freunde aus andern eidgenössischen Ständen ein. Wie verabredet, so geschah es. Die Vereinigung, die auf diese Weise entstand, nannte man Helvetische Gesellschaft.
Im Mai versammelte sie sich jeweilen im Bade Schinznach, später in Olten. Im Jahre 1761 fanden sich 9, im folgenden jahre schon 25 und bald danach 45 Männer ein. Sie verlebten jeweilen drei oder vier herrliche Tage miteinander. Da waren Zürcher und Berner, Basler, Solothurner, Katholiken und Protestanten. Sie aßen und spazierten miteinander, hielten Reden und besprachen die Angelegenheiten des Vaterlandes.
«Weg mit dem Solddienst und den Pensionen !» So sagten diese Männer gleich wie Balthasar. Sie tadelten ferner die Ämtersucht, die Stellenjägerei sowie die Mißstände in der Verwaltung der gemeinen Herrschaften. Schließlich redeten jüngere Mitglieder sogar von einer völligen Umwandlung der Eidgenossenschaft. So meinte ein Schaffhauser, man sollte die verschiedenen Kantone zu einem einzigen Staate zusamrnenschmelzen, und alle Bürger sollten gleiche Rechte und gleiche Pfiichten haben.
Es gelang diesen Männern nicht, etwas Bestimmtes, Sichtbares zu erreichen. Allein ihr Suchen und Nachdenken war nicht umsonst. Sie pflanzten einen neuen, reineren Geist, und sie lernten erkennen, daß sie ein gemeinsames Vaterland besaßen. So schrieb einer von ihnen: «Ich habe in Schinznach zum ersten Male das Glück gefühlt, ein Schweizer zu sein.»