Die Zeit der Pfahlbauer und Kelten.

Bislang sprach man von einer Prähistorie, aber in den letzten Jahrzehnten, ja Jahren, ist so viel bekannt geworden, dass ihre entlegensten Epochen doch in die wirkliche Geschichte hinauf gerückt sind und hier ihren Anschluss gefunden haben.

Freilich kann dabei von einer Zeitbestimmung nicht die Rede sein und es muss mit Zeiträumen von wenigstens hundert Jahren gerechnet werden. Ganz dunkel ist noch die Zeit des ersten Menschen in Europa, die im Diluvium sich verliert. Aber was gleich darauf folgt, lässt sich schon einigermassen genau in’s Auge fassen.

Die europäische Urgeschichte zerfällt in die Perioden des Steins, der Bronze und des Eisens.

Die Steinzeit

Die Kunde, die wir von der Steinzeit haben, gewährt uns ein von der früheren Epoche ganz verschiedenes Bild. Eine grosse Wadlung im Leben der Menschen und der Thiere ist vor sich gegangen. Seine primitiven Wohnungen verlässt der Höhlenmensch nach und nach. Er entwickelt sich, er eignet sich was man nennt eine Kultur an. In demselben Masse verschwinden seine Feinde, die er stetsfort bekriegt: Löwe, Mammuth, Rhinozeros, Vielfrass, Eisfuchs; sie werden vertrieben oder gehen zu Grunde.

So zeigt uns die Steinzeit den Menschen schon nicht mehr auf der untersten Stufe. Nicht mehr begnügt er sich mit dem blossem Gewinn seines Unterhaltes, mit Jagd und Krieg, um nur Haufen von Knochen und Speiseresten zu hinterlassen, wie man sie in Dänemark gefunden hat. Einer friedlicheren Beschäftigung wendet er sich zu, der Viehzucht und dem Ackerbau, der freilich noch sehr bescheiden ist. Das wichtigste aber, der Mensch nimmt festen Wohnsitz. Noch sind die Niederlassungen einfach und bescheiden. Wo ihm Gelegenheit geboten ist, wählt er seinen Standort, um vor Feinden sicher zu sein, auf Seen, wo er Pfähle einschlägt, die sein Haus tragen sollen.

Solche Pfahlbauten gab es in Thrakien, in Oberitalien (die Städte Spina, Patria, Ravenna und am Platze des späteren Venedig) in Oberösterreich und Kain. Am häufigsten findet man ihre Spuren in der Schweiz und hier wiederum waren nirgends so zahlreiche Niederlassungen , als im Neuenburger  und im Bielersee, deren Ufer eine weite lange Reihe von Pfahldörfern schmückten.

In seinem Buche Die Urgeschichte des menschen (Wien , Hartleben 1892) mache einer der neuesten Alterthumsforscher, Dr. Hoernes in Wien, uns folgendermassen mit der Anlage dieser Niederlassungen auf Seen bekannt. Am Beginne des neolithischen Zeitalters (der jünderen Steinzeit) war ganz Europa ein grosser Wald. Die wandernden Stämme schlugen sich mit unendlicher Mühe durch das unwegsame Dickicht. Raubthiere bedrohten den Einzelnen an seinem Ruheplatz; feindselige Einwohner des Waldes die lagernde Fremdlingshorde. Sumpf und Fels spotteten des suchenden Blickes, der eine Stätte zur Niederlassung gewahr zu werden wünschte. Tiefe Schluchten, Geröllhalden und reissende Gewässer hemmten den Verkehr auf trockenem Boden. Da zeigte der glatte weithin gedehnte Alpsee den Wanderern, die an seine Ufer kamen, ein anderes Gesicht, als heute. Zur Ansiedelung, zum Verbleib und Verkehr auf seiner schimmernden Fläche. Sicherheit bot er als Gastgeschenk, egsamkeit und Nahrung für den Fischer und Jäger; denn auch das Wild der munter starrenden Wälder musste zum Seespiegel hearabkommen, um hier seinen Durst zu löschen und erlag leicht dem Pfeilschuss des im Boot herangeschwommenen Pfahlbaubewohners.
Das stürzten denn die schlanken Laub- und Nadelhölzer am Seeufer reihenweise zur Erde hin. Das geschliffene Steinbeil vollendete, was mit einer Feuersetzung am Stamme begonnen worden war. Man erbaute sich eine Plattform auf eingerammten Pfählen und darauf di Hütten, in welchem man fortan friedlich und glücklich wohnte. Ein hinlänglich breiter Wasserstreif trennte das Pfahldorf vom Ufer und gab jenem eine unangreifbare Lage, wie sie in viel späterer Zeit die Festungen Mantua und Romorn besassen.

Bei der Errichtung eines Pfahldorfes wählte man mit vieler Umsicht eine windgeschützte Stelle von geringer Tiefe des Wassers, 40 – 90 Meter vom Ufer entfernt. Die Piloten bestanden in ganzen ungeschälten Stämmen, deren Ende am Feuer sdpitz gebrannt waren. Mit steinernem Schlegeln trib man sie nicht ohne Mühe bis zu 5 Fuss Tiefe in den Seegrund ein. Die oberen Enden mochten 4-6 Fuss über dem Wasserspiegel emporragen. Wenn der Grund zu hart war, um die Pfähle tiefer einzutreiben, sicherte man sie durch angehäufte Steine vor dem Umfallen.

Auf den Piloten wurde ein Fussboden aus langen Balken errichtet, auf dem sich die runden, aus Holz und Lehm erbauten und mit Stroh gedeckten Pfahlbauhütten erhoben. Ein Steg, den man leicht abbrechen konnte, vermittelte den Übergang auf das Festland. Kähne die Verbindung mit entfernteren Uferstellen oder mit anderen Pfahlbauten in derselben See. Denn die Dörfer waren auf einem See in Mehrzahl vorhanden, wie an dem Rand einer  fruchtbaren Ebene. Manche Seen hatten bis zu 40, ja bis zu 100 Pfahlbauten an ihren Ufern. Die Zahl der Pfähle geht bei einzelnen Dörfern über hunderttausend hinaus.

Ein Fund im schwäbischen Schutzenried lehrte, dass dort eine Pfahlbauwohnung ein Rechteck von 7 und 10 Meter bildete und zwei Gemächer enthielt, die eine Thüre verband. Eine andere Thüre öffnete sich nach der Landbrücke. Boden und Wände waren hölzern und mit Lehmverschmiert. Wahrscheinlich mochte es bei den andern Pfahlbauten sich ähnlich verhalten. Hier also wohnten die Menschen, vorzüglich der Jagd, dem Ackerbau und der Viehzucht obliegend. Sie hatten Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine, Hunde, seltener Pferde. Feld und Wald gaben was sonst an der Nahrung fehlte: Weizen, Gerste. Emmer, Einkorn, Spelt, Roggen, Hafer, Hirse, Bohnen, Erbsen, Linsen als Früchte des Feldes; wilde Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen als Baumfrüchte und im Walde reiften Hasel und Buche, Schlehen und die duftigen Beeren.

Gering noch war die Anzahl der Werkzeuge und Geräthe. Aus der ältesten Steinzeit sind Steinäxte vorhanden und Thongeschirre, die ersteren schlecht poliert, die letzteren noch grob und ohne ornamentale Verzierung. Dann stellte sich einige Verbesserungen ein. Das sogenannte Wolfszahnornament schmückte die Geschirre; für die Werkzeuge bediente man sich des Rephrits und Jadeits, jenes grünen Gesteins, das merkwürdigerweise sonst nur in Hochasien, China und Neuseeland erscheint. Aber auch dessen Zeit verging. Man fing an die  Hämmer und Beile zu durchbohren, eine recht mühsame, langwierige Arbeit, die durch Reibung mit hartem Sande geschah. Besonders wurden Holz und Horn, vor dem der früher so beliebte Feuerstein zurücktrat, zu Werkzeugen verwerthet. Die Zehn- und Zwanzigender müssen in bedenklichr Zahl erlegt worden sein ! So gab es Hammer, Meissel, Axt und Beil.

Da konnte man sich auch seinen Vorrath von Waffen anlegen: Pfeil und Bogen, Lanze, Keule, Schleuderstein. Auch die unentbehrlichen Kähne konnten nun leicht gezimmert werden; von Tisch und Bank und Thür, von Tassen, Löffeln und Kellen aus jener Zeit sind Stücke erhalten. Freilich die Thongefässe waren noch einfach, da die Töpferscheibe mangelte; Punkte und Linien waren die Ornamnete. Auch Erzeugernisse der Flecht und Webekunst fehlten nicht; Fadenspulen, Webstuhlgewichtsteine sind erhalten. Ja sogar die Plastik erwachte.

Im Bielersee gab es zur Steinzeit Ansiedelungen vor den heutigen Dörfern Vinelz, Lüscherz, Hageneck, Gerolfingen, Sutz, Lattrigen, Schaffis, Twann, Wingreis, Vingelz.

Anlässlich der Juragewässercorrektion, durch welche der See bedeutend zurückging, gelang es, die schönsten und reichsten Erforschungen anzustellen.

Namentlich ergiebig erzeigte sich die Station von Lüscherz, die von Herrn von Jenner im staatlichem Auftrage untersucht wurde. An 600 Funde in Stein, 500 in Horn, 250 in Knochen, über 100 in Feuerstein wurden zu Tage gefördert. Auch ein fast vollständiges menschliches Skelett wurde eehoben. Besoders fielen schöne Beile von Jadeit und Rephrit auf, welch‘ letzterer sonst mehr in der Ostschweiz Verwendung fand. Die von Herrn Th.Studer untersuchten Knochen ergaben das Vorhandensein einer grossen Fauna: Bär, Dachs, Wolf, Fuchs, Wildkatze, Luchs, Igel, Biber, Hase, Wildschein, Elch, Edelhirsch und Reh, von Schwan und Ente, von Frosch und Hecht und den genannten Hausthieren Hund, Schwein, Schaf, Ziege, Rind.

Bis in die Mitte des 2. Jahrtausend vor Christo mag die Steinzeit gewährt haben. Bereits in ihrem letzten Abschnitte hatte sich ein Element eingeschlichen. Das einer neuen Zeit rief, die Bronze. In den Dörfern am Süden des Bielersees, wie Sutz, findet man Kupfergewichte aus jener Zeit. Doch vermochte sich dieses unlegirte Metall nicht zu halten. Von einer Kupferzeit lässt sich deshalb nicht reden. Sie wäre zu kurz und zu wenig allgemein.

Die Bronze muss, ohne dass uns die näheren Vorgänge irgendwie bekannt sind, gewaltige Veränderungen mit sich gebracht haben. Ganze Ansiedelungen verschwanden: die Pfahlbauten der Ostschweiz und Oesterreichs hören mit dem Erscheinen des Metalls auf zu bestehen. In der Westschweiz erlebten sie noch die späte Eisenzeit.

Noch während der ganzen Steinzeit wurden Höhlen als geschützte Lagerstellen von den Menschen benutzt. Wir kennen im Berner Jura deren drei. Die Höhle von Courendlin bei Delsberg, anlässlich des Eisenbahnbaues entdeckt von Herrn A.Duiquerez: sie lieferte palaiolithische, neolithische, ja sogar eiserne Gegenstände; in den teifsten Schichten fand man neben den rohesten geschlagenen Feuersteingeräthen Knochen des Wildpferdes, Bisons, Wildschweines, Auerochsen, Hirschen, Dachsn, einer Fauna also, die den Uebergang der palaio- zur neolithischen Zeit bezeichnen dürfte. Gegenwärtig ist die Höhle durch den Bahndamm wieder zugeschüttet. Bei Delsber hat Herr Dr. Thiessing eine Höhler der lalaiolithischen Zeit ausgebeutet. (Knochen von Edelhirsch, Rennthier, Reh, Schaf, Ziege, Ochs, Auerochs, Pferd, Wildschwein, Dachs, Hund, Wolf, Bär, Murmelthier, Biber, Maus, Hase; sehr rohe Feuersteingeräthe.) die dritte Höhle ist im Kaltenbrunnenthal unweit Grellingen, noch im Kanton Bern, auch von Herrn Dr.Thiessing entdeckt und ausgebeutet worden. (Knochen von Hirscsh, Renn, Steinbock oder grosser Ziege, Schaf, Hase, Urochs, Bär, Wolf, SAchneehuhn, grossen Alpenraben.) Diese bot noch sehr sauber ausgearbeitete Geräthschaft aus Knochen, wie Harpunen und Pfeilspitzen mit Zeichnungen, Meissel; ferner aus Siler Schaber, Messer, Bohrer, Pfeilspitzen Lamellen und Ruclei. Darnach dürfte man auf eine Bewohnung zur neolithischen Zeit schliessen.