Samuel Hubler
Man nannte ihn den «Engländer» von Wingreis, denn er war der einzige in der Gegend, der Englisch sprechen konnte, wenn auch ein recht seeländisch angehauchtes.
Wie er dazu gekommen war, erzählte er gerne auf seine launige Art. Als sechzehnjähriger Bursche wanderte er von Gaicht aus, umseine ältere Schwester aufzusuchen, die in London mit einem Schneider verheiratet war. «Wo-ni z'Fuess nach Ängland bi...» fingen Sämis Geschichten alle an und dann reihten sich die Erinnerungen aneinander, besonders im Alter als er Musse dazu hatte. Ohne einen Rappen in der Tasche machte er sich damals auf den Weg nach Basel und über die Grenze dem Rhein nach.
Sein Essen verdiente er sich bei Bauern unterwegs, bis er sich einer Truppe von Wanderburschen anschloss. Gemeinsam bestritten sie ihren Unterhalt mit Gelegenheitsarbeiten, übernachteten im Freien und stillten ihren Hunger mit rohem Gemüse von den Feldern, wenn sonst nichts vorhanden war.
Sämi beschrieb mit lustigem Augenzwinkern die Schliche, die angewendet wurden, um den Gendarmen nicht zu begegnen. So ging es tagelang weiter und immer traf er andere Kameraden die in derselben Richtung wanderten. Von der Überfahrt nach England sah er so gut wie gar nichts, da er mit Kohlenschaufeln im Schiffsinnern beschäftigt war. In London angekommen, konnte er nur stumm die Adresse seiner Schwester vorweisen. Doch fand sich der aufgeweckte Junge auch hier zurecht und gelangte endlich zu seinen Verwandten, in eine armselige düstere Wohnung der «Slums».
Es war eine harte Zeit, die Sämi dort verbrachte. Das Stillsitzen wurde ihm zur Pein, wenn er stundenlang seinem Schwager, einem Flickschneiderlein, bei der Arbeit helfen musste. Vom Fenster seiner Mansarde aus, wo er Tauben fütterte und auch etwa eine für die Pfanne erhaschte, sah er nur schwarze Dächer.
Der sonnige Bielersee war weit weg... Nach zwei Jahren entschloss er sich zur Heimkehr, immer noch arm wie eine Kirchenmaus, doch reich an Erfahrung. Von da an blieb er in der Heimat, Verlernte aber die englische Sprache nie ganz.
Nach seiner späteren Heirat mit Ida Rösselet, zog er nach Wingreis, wo er nur noch seiner Familie und seinen Reben lebte. Sämi Hubler hatte eine glückliche Natur. Er blieb genügsam und heiter bis ins hohe Alter.
Nach Feierabend sass er pfeifenrauchend vor dem Hause, oder auf dem Ofentritt in der Stube und war zum Plaudern aufgelegt. Höhepunkte in seinem Leben waren die Goldene und die Diamantene Hochzeit, die er mit seiner um ein Jahr jüngeren Gefährtin feiern konnte. Als typischer Vertreter einer längst verschwundenen Zeit, starb er 87jährig im Januar 1959.