Ein Rosenkavalier
Es war ein Tag im Spätherbst. Der Nebel hing tief über den See und liess sich von der eisigen Bise nicht vertreiben. «Es novämberlet», sagten die Leute und rieben sich die kalten Hände.
Ein Spaziergang durch den Wald mit meinem braven Airdale «Tommy» wäre jetzt das Richtige, dachte ich mir. Kaum waren wir zum Gartentor hinaus, als ein Blick auf das Nachbarhaus mich stutzen machte. Wie fast alle Ferienhäuser am See war auch dieses nicht bewohnt und hatte bereits denWinterschlaf begonnen.
Deshalb fiel mir ein weit offener Fensterladen im Erdgeschoss auf. Das musste ich sogleich dem Polizeiposten melden, wo zu jener Zeit der imposante Landjäger K. amtete. Bald war dieser zur Stelle und stieg trotz der schweren Pelerine behende über die Gartenmauer.Furchtlos näherte er sich dem offenen Fenster und verschwand ins Innere des Hauses.
Längere Zeit blieb alles still, während ich mit gemischten Gefühlen, den Hund an der Leine, in angemessener Entfernung wartete. Dann stieg der Polizist wieder zum Fenster hinaus und rief mir zu, es sei niemand im Hause, aber alles scheine durchsucht worden zu sein. Darauf begab er sich zu einem Rundgang durch den Garten.
Ich beobachtete, wie er vor einem Busch stehen blieb, vorsichtig die Zweige auseinander bog und sich hinunterbückte. Was hatte er wohl Interessantes entdeckt? Vielleicht eine Faser vom Kittel des Einbrechers, oder sonst einen verdächtigen Gegenstand?
Gemächlich verliess der Hüter des Gesetzes das Revier und trat auf mich zu. In der Hand hielt er eine kleine rote Rose, wohl die allerletzte des Jahres, die er mir mit galanter Geste überreichte.