Mobilmachung

An einem Nachmittag im Frühjahr 1939 war gerade stille Zeit im Wirtshaus.

Vier Gäste klopften einen Jass, während zwei andere Kaffee tranken und zu schauten. Die Tochter des Hauses blätterte in einer «Illustrierten». Es war ein Bild des Friedens. Da kam aus dem Nebenhaus ein Nachbar herein gestürzt, kreidebleich und zitternd und rief ausser sich:

«Jetz isch es so wyt! Der Chrieg isch erklärt u d'Schwyz mobilisiert! Si wähle grad der General. I ha's am Radio ghört ! » Alle standen auf und die Tochter rannte zum Radio-Apparat, aus dem bald die Bestätigung kam: Es war da von Preussen die Rede, von der Einnahme von La Chaux-de-Fonds und einem Marsch der Truppen gegen Neuenburg...

Dann folgte feierliches Glockengeläute. Alle in der Stube standen stramm während von der Wahl des Generals und von einer Urne die Rede war. Darauf erklärte ein Weibel laut und deutlich, Henri Dufour sei zum General gewählt.

Die acht Zuhörer kamen langsam aus der Erstarrung heraus und wurden von grosser Aufregung erfasst. Einer sagte, er müsse sogleich auf den Gotthard, er sei bei der Festungsartillerie. Ein anderer wollte sofort nach Hause, seine Militärschuhe in Ordnung bringen. Ein älterer Mann mit einem lahmen Bein hinkte an seiner Krücke herum und jammerte über den Krieg.

Plötzlich schauten sie einander entgeistert an, denn eine weibliche Stimme verkündete am Radio: «Und das war das Ende des Hörspiels.»

Bei den Zuhörern wich die Spannung einer allgemeinen Erleichterung und man fing an zu verstehen, als der Nachbar verlegen zugab, am Radio eingeschlafen zu sein und den Anfang verpasst zu haben. Aber weil momentan so viel von einem möglichen Kriegsausbruch die Rede sei, habe er halt gemeint es sei jetzt so weit.

Das historische Hörspiel hatte vom Royalistenputsch im Neuenburgischen, von 1858 gehandelt. Damals forderte der Preussenkönig die bedingungslose Freilassung der Gefangenen als Genugtuung für seinen Verzicht auf Neuenburg und drohte mit Krieg. Daraufhin mobilisierte die Schweiz und die Bundesversammlung ernannte Dufour zum General.

Drei Monate später sah dann die Wirklichkeit sehr ähnlich aus:  Mobilmachung und Wahl des Generals. Nur hiess dieser Henri Guisan statt Henri Dufour.