Seegfrörni

Man glaubte, so etwas komme nur alle 100 Jahre vor, so ein totales, wochenlanges Zugefrieren desSees. Doch haben wir das schon zweimal innerhalb acht Jahren, 1956 und 1963, erlebt. Das Überqueren des Sees von Dorf zu Dorf als Familienspaziergang mit Schlitten, Kinderwagen und Hunden bereitete Riesenspass. Sonntags kam es zu wahren Völkerwanderungen aus der Stadt in Richtung St.Petersinsel, zu Fuss oder auf Schlittschuhen.

Die vielen Schwäne und anderen Wasservögel, ihres gewohnten Elementes beraubt, kamen ans Land, wo für sie Futterplätze errichtet waren. Man gewöhnte sich an den Anblick des erstarrten Sees.

Die Menschen waren fröhlicher und gesünder als sonst im Winter. Trotz sonnigem Wetter war dieLuft schneidend kalt und trocken. Das reinste Engadiner Klima im Unterland.

Es gab erstaunlich wenig Unfälle, bis auf einige tragikomische Episoden, wie das Erlebnis einer jungen Einwohnerin von Tüscherz, die beim Schlittschuhlaufen in ein Loch fiel, sich aber am Rande halten konnte, bis man ihr mit einer Leiter zu Hilfe eilte und sie aus ihrer misslichen Lage befreite. Zu Hause angelangt, waren ihre Kleider steifgefroren und mussten vor dem Ofen aufgetaut werden, bevor sie sich umziehen konnte. Darauf begab sich die rabiate Sportlerin sogleich wieder zum See und fuhr weiter auf ihren Schlittschuhen herum.

Bei diesem Abenteuer holte sie sich nicht einmal einen Schnupfen. Es besteht eine Tradition, dass die ersten, die den See auf Schlittschuhen bis zur St.Petersinsel überqueren, einen Sack Nüsse erhalten.

Im Winter 1963 waren es zwei Ligerzer, die sich den Preis holten. Das Ende der «Gfrörni» bot ein prachtvolles Naturschauspiel. Als das Wetter wärmer wurde, brach der See seine Fesseln unter lautem Knallen und Donnern. Eines Tages war die ganze arktische Landschaft verschwunden.