Tragen und Fahren
Vor dem Ausbau des Eisenbahnnetzes, wovon im Beitrag von Werner Tribelhorn die Rede ist, waren beträchtliche Fussmärsche nichts Besonderes. Unsere Trainsoldaten rückten zu Fuss in Thun ein (14 Wegstunden). Die Bern-Stundensteine bei Müntschemier/lns und Finsterhennen/Treiten sind erhalten. Um die Jahrhundertwende ging ein älterer Finsterhennener jeweils zu Fuss nach Bern und zurück, weil er dort das Paket Kaffee fünf Rappen billiger erhielt. Regierungsrat Alfred Scheurer war als tüchtiger Fussgänger mit gehöriger Schrittlänge bekannt; vor der Eröffnung der «Direkten» pflegte er von Gampelen nach Erlach zu marschieren, um hier das Schiff nach Neuenstadt zu benutzen und mit der Bahn über Biel nach Bern zu fahren. «Union»-Steuermann Béguelin aus Neuenstadt kam morgens zu Fuss nach Erlach zum Dienst, später mit dem Velo. Die Alpfahrten auf die Jurahöhen erfolgten selbstverständlich zu Fuss; um die Gusti berggängig zu machen, trieb man sie in Erlach im Frühjahr an ein paar Abenden die Jolimontstrasse hinauf. Das Boot spielte eine grosse Rolle; in Gampelen und Treiten erinnert man sich noch an dorfnahe Anlegeplätze. ln lns und Brüttelen leben noch Leute, die bei den drei Bahnbauten mithalfen. (1970)
Der Posthalter von Müntschemier hatte 5-6 Pferde im Stall und besorgte die Post nach Lyss über Treiten und Siselen. Die Fürsprecher aus Biel ritten nach Erlach zu den Gerichtsverhandlungen und deponierten ihre Pferde in der Erlenscheune. ln der Landwirtschaft brauchte man bis in die Zeit des 2. Weltkrieges neben dem Pferd vor allem Kühe und Ochsen als Zugtiere. Fritz Weber in lns war an der Schmiedemeisterprüfung 1944 der einzige, der noch Stiereneisen herzustellen verstand. Der Käser von Lüscherz fuhr für seine Besorgungen mit einem Sitzwägeli nach Erlach, das von zwei Bernhardinern gezogen wurde. Die 1827 erbaute Jolimontstrasse galt als eine der gepflegtesten weit
und breit. Jeden Herbst wurde sie neu gegrient, Kies und Splitter wurden von den Fuhrwerken nach und nach eingedrückt und nicht fortgespickt wie heute von den Autos. Der Pächter des Jolimontgutes fuhr mit einem Esel zur Käserei Erlach, welcher der Familie de Pury gehörte, die für ihn eigens ein kleines Break besass. Der Schnee blieb lange auf den Strassen liegen, und man unternahm ausgedehnte Pferdeschlitten-Fahrten. Die Marktfahrer, besonders aus dem nordöstlichen Teil des Amtes, starteten abends mit dem Fuhrwerk, schirrten bei der Wirtschaft Schwanden bei Schüpfen die Pferde aus, legten sich aufs Stroh und zogen morgens um 5 Uhr weiter nach Bern. Eine Grossmutter aus Ins fuhr wöchentlich nach St. lmmer auf den Markt, zog am Abend los und schlief zwischen der Gemüselast, während die Pferde treu den richtigen Weg fanden. Ernst Engelmann in Gampelen besucht seit 1924 den Markt in Neuenburg, wie es schon seine Mutter während fünfzig Jahren tat. Mehr über das Marktfahren ist im Beitrag von Werner Moser zu lesen.
Um 1890 tauchten die ersten Dampfkutschen auf, oft mit dem Ziel «Bären» in Ins. Die ersten Autos gehörten vornehmlich der Marke «Martini» an. Martini in St-Blaise beschäftigte vor allem Mechaniker aus Frankreich, aber auch Galser, Gampeler, Tschugger und produzierte pro Tag 2 Wagen, teils für den Export, die am Bahnhof Neuenburg verladen wurden. Die ersten Velos traten kurz nach 1900 in Erscheinung (mit sog. Starrlauf, ohne Rücktritt, mit Vorderradbremse). Kaminfegermeister Paul Forster in Erlach meinte zu seinen Gesellen, als diese seiner Meinung nach unnötigerweise die Räder hervorholten: «Was? D'Velo nume für uf Tschugg? De nähmed Dirjo d'Velo gly no für uf Vinelz übere !»
Das erste Flugzeug über Siselen 1910 soll von Chavez gesteuert worden sein. Es startete in Neuenstadt und landete auf der Allmend in Bern. Der erste Flieger über lns war Oskar Bider, und die Schüler liefen ihm durchs Oberdorf hinauf nach, winkten und riefen, bis er zwischen Galgen und Zweienegg zur Landung ansetzte - Strafaufgaben fürs Weglaufen aus der Pause hin oder her.