In kranken Tagen

Die Lebenserwartung war gering, der Stand medizinischer Kenntnisse im Vergleich zu heute bescheiden, das Vertrauen in natürliche Heilmittel gross. im Laufe des Sommers wurden fleissig Heilkräuter gesammelt (Kamille, Salbei, Wermuth, Spitzwegerich u.a.); im Herbst war der Teekorb auf der Laube randvoll, und man fühlte sich gegen die im Winter auftretenden Krankheiten gewappnet. Die gesammelten Kräuter fanden auch guten Absatz auf dem Markt in Neuenburg.

Ganze Familien waren von Tuberkulose befallen. Um 1900 wüteten die schwarzen Blattern. Die Grippezeit 1918/19 forderte zahlreiche Todesopfer, und in vielen Häusern trank man über längere Zeit vorbeugend Spitzwegerichtee. Wenn ältere Leute nachts von Atembeschwerden geplagt wurden, hiess es etwa, ruhelose Personen im Besitze des 6. Buches Mose sässen den Gequälten auf der Brust.

Den Doktor rief man erst, «wenn es schlimm wurde››. Dr. Eduard Blank aus Erlach (1855- 1947)- nebst Kollegen aus Kerzers, St-Blaise und später auch aus Ins vielen unserer Gewährsleute in dankbarer Erinnerung - besuchte fast im ganzen Amt seine Patienten zu Pferd, mit dem Fuhrwerk, dann mit dem Fahrrad und nach 1930 mit dem Auto. Die Konsultation kostete lange zwei Franken. Als eine Frau in Gampelen 1918 zu Dr. Blank meinte, warum er in der gegenwärtigen Teuerung nicht aufschlage, gab er zurück: «Ums Himmelswillen, ich und aufschlagen! An den meisten Orten sollte ich noch mitbringen !»

Der Zahnarzt war unbekannt. Gegen schmerzende Zähne machte man Wickelumschläge, und wenn's nicht half, blieb nur noch das Ziehen übrig. Dr. Blank besorgte dies, indem er den Kopf des Patienten unter den Arm presste und zur Zange griff. Aber auch Laien - Bauern, Zimmerleute, Wagner, Schmiede in den Dörfern - verstanden sich darauf. Die Naturheilärzte in der Oltigenmatt, in Ried bei Kerzers («Bisli Gödu››) oder im Solothurnischen verschmähte man nicht.