Kindheit

Die Schulpflichtigen zu allerlei Arbeiten im Haus und draussen heranzuziehen, war eine Notwendigkeit. Durch zahlreiche bequeme Einrichtungen ist dies heute grossteils weggefallen - einen besseren Ersatz für eine solche Vorbildung fürs spätere Leben gibt es aber nicht. Stets ging die ganze Familie aufs Feld. Die Winterpause der Bauern war ein deutlicher, längerer Einschnitt im Jahreslauf. Familien mit 5 und 10 Kindern waren fast die Regel, doch starben viele früh. In Müntschemier erinnert man sich an eine Frau, die 22 Kinder hatte. Während der Marktfahrten der Eltern hüteten die Grösseren die Kleinen. Ärmere Kamerädchen setzten sich in wohlbestallteren Häusern mit Selbstverständlichkeit zu Tisch, wo häufig 16-20 Esser da waren. Viele fanden kein Auskommen und wanderten vor dem 1. Weltkrieg, besonders aber vor 1900 nach Amerika aus; man fuhr sie jeweils mit dem Leiterwagen nach dem Bahnhof Biel, wo das Abschiedsfest bis zur Zugsabfahrt weiterdauerte.

Man hatte wenig Spielzeug, etwa ein Bäbi aus Lumpen und allerlei Selbstgefertigtes aus Holz. Zu den seltenen Puppen mit Porzellanköpfen musste man besonders Sorge tragen. Vor Weihnachten erschienen Hausiererinnen mit Lebkuchen, und die Kinder wurden von Gotte und Götti eingeladen: «Du darfst dann auch das Körblein bringen !» Der Grossvater flocht den Geschenkkorb für jedes Kind selbst. Er enthielt gedörrte Früchte, Zwetschgen, blaue Pflaumen, Pastorenbirnen, etwa auch Trauben, die seit dem Leset in einer kühlen Kammer an der Decke hingen; in späteren Jahren gelegentlich auswärts besorgte Orangen, dann Nüsse, Aepfel, ein einfaches Spielzeug, Hosenträger, Wolle. Von den Paten bekam man vielleicht einen Zwanzigräppler oder, wenn's hoch kam, ein Halbfränkli geschenkt. Das letzte Schulweihnachtsgeschenk war nach Wahl eine Bibel oder ein Gesangbuch. Der Weihnachtsbaum wurde mit goldenen oder silbernen Nüssen, Aepfeln und Papierrosen geschmückt.

Die Schule dauerte im Sommer von 7-1O Uhr, im Winter bis 11 Uhr; im Sommer war jeder Nachmittag frei. Auf langen Banken sassen 6 bis 8 Schüler, in manchen Schulstuben im ganzen über achtzig. Die bescheidenen Schulreisen wurden grossteils zu Fuss oder per Leiterwagen unternommen. Zahlreichen Kindern blieb das Mitmachen versagt, sei es der Kosten wegen oder weil es zuhause an gutem Schuhwerk und Kleidung fehlte. Die Oberschüler halfen dem Lehrer morgens früh beim Heizen der Schulstube und oft auch bei seinen landwirtschaftlichen Nebenarbeiten.

Dem Herumtreiben der Kinder am Abend wurde von der Ortspolizei aus um acht Uhr ein Ende gesetzt. ln Erlach war die Kinderschar in der Altstadt immer sehr gross (vor dem Brand 1915 über 70 Schüler allein aus der oberen Stadt) und der Lärm dementsprechend; allabendlich kam der Weibel in die Altstadt und trieb die Kinder in die Häuser, damit es Ruhe gab. Auch beim Pfarrhausbrunnen war oft viel Betrieb, und um die Jahrhundertwende rief ein Pfarrer deutscher Herkunft dann jeweils hinaus: «Gehnd in Gestel, gehnd in Gestel !» (Gostel).

Nach der Kinderlehre konnte man es sich ab und zu leisten, zu viert für 20 Rappen ein Sonntagsbrötli oder für 10 Rappen zwei Nidletäfeli zu kaufen und zusammen zu teilen.