Das grosse Werk der Entsumpfung
ln dieser Abhandlung über die Landwirtschaft des Amtes Erlach zu Grossvaters Zeiten darf jener Mann nicht unerwähnt bleiben, der 36 Jahre lang unter grössten Schwierigkeiten für die Entsumpfung des Seelandes kämpfte: Dr. Johann Rudolf Schneider. Von seiner Hingabe und seiner Tragik zeugen zwei seiner Briefe. Als 35jähriger Nidauer Arzt schrieb er 1839 der Burgergemeinde Nidau, die ihm als Dank für seine Entsumpfungsbemühungen das Bürgerrecht verlieh: «ich gestehe Ihnen, dass dieser Gegenstand mich seit meiner frühen Jugend fort und fort bewegte, dass dieses Streben sich jetzt mit mir identifiziert hat - und mein Lebenszweck geworden ist. Vielleicht verfolge ich einen Schatten, bin vielleicht befangen in einem schönen Traum. Jedenfalls aber soll mir beides, sowohl lhre mir bewiesene Liebe, als auch ihre längst ausgesprochene Teilnahme an jenem Unternehmen, das mir zur Lebensfrage geworden, eine kräftige Aufmunterung sein, meinem Ziele durch alle Hindernisse hindurch möglichst treu zu bleiben.»
33 Jahre später, 1872, äusserte er sich einem Freund gegenüber: «,.. mir Altem hingegen bleibt das Nachsehen. Doch nein, vielleicht spricht nach 100 Jahren ein kalter Stein in warmen Worten von meinen bescheidenen Verdiensten, während meine Nachkommen darben. Traurige Reflexionen eines am Rand des Grabes stehenden Greises. Dennoch bereue ich keinen Schritt, kein Opfer, das ich in Geld und Zeit der Sache gebracht habe, und doch ergriff mich ein Anfall von Wehmut, als ich letzten Herbst meine Geburtsstätte in Meienried betrat und dabei dachte, dass ich auch mein Vaterhaus diesem Unternehmen der Juragewässerkorrektion zum Opfer gebracht habe.» Dr. Schneider starb arm, 75jährig, am 14. Januar 1880. Das zu seinen und Ingenieur Richard La Niccas Ehren in Nidau errichtete Denkmal wurde im Oktober 1908 enthüllt.
Am 12. März 1839 hiess der bernische Grosse Rat ein Dekret gut über «Die Gründung schweizerischer Privatgesellschaften für die Tieferlegung und Korrektion der Juragewässer und für die Austrocknung der Mööser des Seelandes››. lm Herbst des gleichen Jahres wurde in lns die Vorbereitungsgesellschäft gegründet, die zu ihrem Präsidenten Dr. J. R. Schneider wählte. lm folgenden Jahr berief die Vorbereitungsgesellschaft den Bündner La Nicca zur technischen Bearbeitung der Projekte. Ein Bundesbeschluss vom 25.7.1867 und ein kantonales Dekret vom 10.3.1868 bildeten die Rechtsgrundlagen für das Unternehmen. Ab 1869 erfolgte die Absenkung des Bielersees, von 1877 bis 1879 diejenige des Neuenburger- und Murtensees. lm Jahre 1878 floss erstmals Aarewasser durch den Hagneckkanal in den Bielersee. Die Absenkung der Seen, die Ableitung der Aare in den Bielersee und der Bau des Broye-, Zihl- und Nidau-Büren-Kanals, d.h. die grossen Flusskorrektionen, stellten aber lediglich die Voraussetzung für die Erstellung der erforderlichen Entwässerungskanäle dar. Diese sog. Binnenkorrektion war im ursprünglichen Sanierungsprojekt nicht enthalten. Sie sollte Sache der Grundeigentümer sein und sich auf folgende Flächen erstrecken:
Grosses Moos, westlicher Teil 4680 Jucharten
Grosses Moos, östlicher Teil 5860 Jucharten
Hintermööser 700 Jucharten
11240 Jucharten.
Den Anfang im Kanalbau machte 1873 die landwirtschaftliche Gesellschaft von Witzwil mit der Erstellung des in die Zihl führenden Seebodenkanals. Mit den übrigen Binnenkanälen ging es erst vorwärts, als der Grosse Rat des Kantons Bern am 15. 7. 1875 den Vorschlag guthiess, die Binnenkorrektion sei ebenfalls durch das Hauptunternehmen auszuführen. So wurden im westlichen Grossen Moos, ebenfalls auf der Zihl basierend, der lslerenkanal mit Rimmerz- und Reuschelzgraben erstellt. Ein Kanalsystem entwässerte in die Broye. lm östlichen Teil des Grossen Mooses wurde der Hauptkanal von der Broye bis südlich Siselen gebaut mit den Abzweigungen Brästengraben, Stegmattenkanal, Länggraben, Moosmattengraben und Hohlenmattenkanal. Die Finanzierung stiess
auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Schuld daran war namentlich das beschlossene Mehrwertschatzungssystem. Die durch den Bundesbeitrag nicht gedeckten Kosten mussten zu 1/3 vom Kanton und zu 2/3 vom Grundeigentümer aufgebracht werden. Die Verteilung der dem Grundeigentum zugedachten Leistungen von ca. 5 Mio sollte nach dem Mehrwert erfolgen, den das Land durch die Entwässerung dereinst erreichen werde. Dieses Verteil-System wirkte sich verhängnisvoll aus, indem während Jahrzehnten Ungewissheit über die Höhe der zu erbringenden Leistungen herrschte, d. h. solange, bis der sog. Mehrwert ermittelt werden konnte. Dr. Schneider hatte das Mehrwertschatzungssystem schon 1838 als unpraktisch und unsicher bekämpft. Er befürwortete erfolglos die Voraustaxierung, d. h. die Verteilung der möglichst hoch devisierten Baukosten auf alles im Perimeter liegende, in Klassen einzuteilende Grundeigentum. Mit den Mehrwertschatzungen wurde 1870 in den Gemeinden Treiten, Müntschemier, Ins und Gampelen begonnen. Es liefen viele Einsprachen ein. Erst 1879 ordnete der Regierungsrat die definitive Mehrwertschatzung an. Eine Beschwerde der Gemeinde Finsterhennen und einiger dortiger Grundbesitzer, worin die Beitragspflicht des Grundeigentums bestritten wurde, lehnte das Bundesgericht 1878 als unbegründet ab. Die finanzielle Belastung der nur über eine geringe Steuerkraft verfügenden Gemeinden durch Flusskorrektionen und Kanalbauten war beträchtlich. So sollten z.B. lns Fr. 768‘000, Gampelen Fr. 371‘000 und Gais Fr. 238‘000 aufbringen. Für einige dieser Gemeinden war es ein Glück, dass sie dem Staat Bern grössere Landflächen zu Eigentum abtreten konnten. Regierungsrat Alfred Scheurer, der diese Käufe ermöglichte, setzte auch durch, dass die zehnjährige Zahlungsfrist um weitere fünfzehn Jahre verlängert wurde. Für viele Bauern war die Entwässerung vorerst eine Enttäuschung. Lische und Streuegräser starben langsam ab. Diese sauren Pflanzen konnten nicht mehr gedeihen. Andererseits hatten die guten Futterpflanzen noch nicht Fuss gefasst, und das Resultat war ein Ertragsrückgang. Samuel Klening in Vinelz hatte 1882 70 Jucharten mähen helfen, deren Ertrag um je Fr. 10 versteigert wurde.