Vor der ersten Juragewässerkorrektion
Die Existenzbasis der meisten bäuerlichen Betriebe war damals sehr schmal. Kulturfähiges Land stand nur spärlich zur Verfügung. Mehrere Dörfer waren eigentliche Rebbauerndörfer. Der Weinbau stand dort im Zentrum und bildete die Hauptbeschäftigung und wichtigste Einnahmequelle. Vieh wurde wenig gehalten, weil das Futter fehlte. 1764 schrieb der lnser Pfarrer Johann Jakob Wolf: «Fast ein jeder, der nur und kaum zwei Stück Vieh durchwintern könnte, hält vier und mehr, damit er allein pflügen und fahren möge. Die allzu häufigen Arbeiten, die einander unaufhörlich treiben, verursachen, dass man von einer zur andern eilt, und keine genau und sorgfältig verrichtet ...».
Als Zugtiere dienten meist Kühe und Ochsen, die im Joch arbeiteten. Pferde sah man seltener. Die Strassen befanden sich in schlechtem Zustand. Wer fort musste, ging meist zu Fuss, stunden- und tagelang. Bauern- und Gewerbebetriebe lebten in enger gegenseitiger Abhängigkeit. Die meisten Handwerker waren im Nebenberuf Bauern. Schneider, Schuster, Sattler, Wagner, Korber, Metzger, Scherenschleifer, Kessel- und Schirmflicker usw. kamen auf die Stör. Wer den Gemeindestier hielt, hatte Anrecht auf die Nutzung der Stierenteile, d.h. der Stierenmatte. Dem Halter des Ziegenbockes wurde der «Bockplätz» zugewiesen. Der wenige Stallmist, der anfiel, kam vorwiegend den Reben
zugut. Einige Ortschaften des Amtes verkauften Mist in die benachbarten Rebberge am Bieler- und Neuenburgersee. So blieben die schon damals stark parzellierten und verstreuten Äcker und Wiesen mager. Kunstdünger und Kraftfutter waren unbekannt. Man pflanzte Getreide, Kartoffeln, Hanf und Flachs und etwas Gemüse.
Die Bauart der meist mit Stroh gedeckten Häuser war denkbar einfach. Weil die meisten Familien kinderreich waren, schliefen mehrere Kinder im gleichen Bett. Die Nahrung war einseitig und bescheiden. Zum Frühstück und am Abend ass man Rösti aus der gleichen Platte oder Geschwellte mit Brot. Zum Mittagessen wurden gedörrte Schnitze mit Eierspeisen oder Speck aufgetragen. Gelegentlich gab es eine Erbsen-, Bohnen- oder Kartoffelsuppe mit Brot oder Apfelrösti. Fleisch und Fleischsuppe gab es fast nur sonntags, Züpfe nur an Festtagen. Getrunken wurde Milch oder Wein, leider auch viel Schnaps.
Was Pfarrer Wolf 1764 über die lnser schrieb, wird für die meisten übrigen Bewohner der Grafschaft gültig gewesen sein: dass die Leute bei der strengen Arbeit und der dürftigen Nahrung dürr blieben und früh alterten. Trotz genügsamer Lebensweise und weitgehender Selbstversorgung konnten sehr viele Leute den finanziellen Verpflichtungen kaum nachkommen. Der Weibel mit seinen Zahlungsaufforderungen hatte viel zu tun. Was der 1840 in Erlach geborene Alfred Scheurer, der spätere bernische Regierungsrat und Finanzdirektor, über seine Jugendzeit schrieb, traf für viele seiner Zeitgenossen zu: «Der Ertrag aus den cirka acht Mannwerk Reben, die der Vater besass, war in den allerbesten Weinjahren höchstens Fr. 800, in den vielen Fehljahren von Null bis einige hundert Franken. Dazu kam noch der Reblohn für einige Mannwerk fremde Reben, wobei nicht das kalte Wasser verdient wurde, denn der Lohn betrug bei sorgfältiger Bearbeitung nur Fr. 18 per Mannwerk (jetzt- 1923 - Fr. 50 bei oberflächlicher Arbeit). Das wenige Pflanzland reichte nicht hin, um eine Kuh zu erhalten, man suchte sich mit Ziegen zu behelfen, auch konnte man gewöhnlich nicht genügend Erdäpfel pflanzen, zumal zu jener Zeit die Erdäpfelkrankheit arg grassierte. Auf diesem kleinen Besitz lastete eine Schuld von über Fr. 5000, die zu 5% verzinst werden musste. Nebenverdienst war keiner vorhanden; im Sommer erlaubte die eigene Arbeit dem Vater nicht, Taglohnarbeit zu verrichten, und was die Mutter mit Waschen verdiente (Fr. 1 per Tag von morgens 1 Uhr bis in die Nacht) führte nicht weit. lm Winter war keine andere Verdienstgelegenheit als Holzarbeit im Staatswald; sie wurde aber schlecht bezahlt, so dass der Mann im Tag nur auf etwa 50 Rp. kam, kaum genug, um ein zweipfündiges Brot zu kaufen. Und mit einem solchen Einkommen sollte eine Familie von Vater,
Mutter und drei Kindern, die lange Zeit noch mit dem Unterhalt alter, invalider Grosseltern beschwert war, ehrlich durchs Leben gebracht werden.›› Um 1850/60 sei ein Siseler als Drescharbeiter jeweils nach Lobsigen gegangen, weil dort der Taglohn 35 statt 30 Rp. betrug.
Bei Hochwasser bildete die ganze Gegend zwischen Biel, Yverdon und Avenches einen einzigen See, aus dem die Anhöhen mit den Dörfern wie lnseln herausragten. ln solchen Zeiten konnten nicht selten in Hausgängen Fische gefangen werden. Wenn sich die Wasser langsam verzogen, blieben Sumpf und Morast zurück. Des Nachts gaben lrrlichter dem Moos ein gespenstisches Aussehen. An eine Bebauung des Bodens war nicht zu denken. Schon 1764 schrieb Pfarrer Niklaus Lombach über Gampelen: «Alles Land ist hier gebaut, was nur immer gebaut werden kann, dem Moos allein hat man bisher keinen Rat finden können.›› Das Grosse Moos bildete eine ausser bestimmten Einschlägen nicht parzellierte und durch keine Wege erschlossene Sumpf- und Riedfläche, die Sauergräser und Lische hervorbrachte. Sie konnte nur durch Heuraub und Weidegang genutzt werden. Der Moosheuet war ein charakteristisches Stück seeländischen Lebens.
Trotz allen Entbehrungen und grosser Armut kannte auch jene Zeit ihre Freuden. So brachte der Moosheuet der Jugend Abwechslung und Geselligkeit. Auch gab es, wenn auch selten genug, andere Vergnügen, wie Sackgumpet und Eieraufleset, oder wenn ein Schausteller mit Hunden, Affen oder gar einem Kamel oder Tanzbären für aufregende Abwechslung sorgte. Alfred Scheurer schrieb: «So entbehrungsreich die Jugend war, so war sie doch nicht freudelos. Da man nicht mit Annehmlichkeiten und Geschenken aller Art überschüttet wurde, so war man auch nicht blasiert. Das wenige, das den Eltern die Mittel erlaubten, den Kindern zu spenden, erfreute diese ebenso sehr wie anderwärts ein Haufen von Geschenken. Der Glanzpunkt der dazu maligen Zeit, der die Kinderherzen das ganze Jahr beschäftigte, war das Schulfest, das die neuzeitliche, poesielose Schulmeisterei abgeschafft hat. An diesem Tage gelangten alle Kinder, auch die ärmsten, zu einem Leckerbissen, Kaffee und Küchli und die Knaben sogar (horribile dictu) zu einem Glase Wein!»