Plünderungen, Kriegssteuern, Zwangsablieferungen, Vergewaltigungen
Schon vor 100 Jahren war es unmöglich, genaue Verlustlisten aufzustellen. Was den Sachschaden anbelangt, haben einige Historiker versucht, wenigstens zeitliche oder örtliche Zusammenstellungen zu machen. Immer waren es nur Bruchteile. Staatsarchivar Kurz schreibt: In den ersten Tagen des Übergangs wurde von den Horden Schauenburgs und Brunes, wo sie hinkamen, in der wildesten Weise geplündert. Geld, Uhren, Kleinodien, Göllerketten, Manns- und Frauenkleider, Bettzeug, Vorräte des Handwerkers, Lebensmittel aus Küche, Rauchfang, Keller und Speicher wurden den Leuten unter Drohungen entrissen. Das Rasiermesser des Mannes, der Sparhafen des Kindes, die sauer verdienten Batzen der Dienstboten wurden nicht verschmäht. Den Gesamtschaden des Distrikts Zollikofen in den Tagen des Übergangs schätzte er auf 139 000 Kronen, nach heutigem Geldwert sind das über 5 Millionen. (1962)
In den seeländischen Ämtern wurden vom 5. März bis 1. Mai 4000 Pferde requiriert. In der gleichen Zeit wurden vom Landvolk mit Gutschein 330 877 Rationen, ohne Gutschein 638 583 Rationen erpreßt. Marschall Ney schätzte den Schaden Berns allein auf 44 Millionen Franken. Was die 30‘000 Franzosen, die von 1798-1802 hier hausten, zusammenraubten, spottet jeder Beschreibung. Selbst die Liebesgaben für das unglückliche Nidwalden wurden weggenommen. Der Feldzug nach Ägypten 1799 erforderte weitere Requisitionen, in Wohlen mußte das Bettzeug bis auf 1 Anzug pro Bett abgeliefert werden. Den Pferden waren sie noch später aufsässig, es war riskiert, damit auf den Markt in Bern zu fahren.
Zwei Monate nach der Kapitulation übernachtete ein Fuhrmann aus St. Gallen in Aarberg. Die Pferde stellte er in der «Krone» ein, den mächtigen Güterwagen ließ er nach allgemeinem Brauch vor dem Gasthof stehen. Im Städtchen lag eine französische Garnison, es sollte also Sicherheit herrschen. Am Morgen fehlten auf dem Wagen 30 Ballen Baumwolltuch. Als Täter wurden nach langer Zeit französische Kanoniere überführt.
Anfangs November erweckte eine von französischen Soldaten begangene Untat weitherum Zorn und Ruf nach Rache. Bei Seedorf wohnte in einem kleinen Haus ein Mann mit Frau und zwei kleinen Kindern, ein drittes war unterwegs. Plötzlich donnerten Gewehrkolben an die Türe, Soldaten schrieen nach Essen und Trinken. Der Hausvater suchte das Eindringen zu verwehren. Da fiel ein Schuß und machte die Frau zur Witwe, die Kinder zu Waisen. Der Täter blieb unentdeckt.
Zum Hufschmied eines Dorfes unseres Distrikts trabten eines Tages 30 französische Husaren heran und verlangten, daß ihre Pferde beschlagen würden. Der Sohn des Schmieds besorgte die Arbeit, er arbeitete, daß ihm der Schweiß herunterrann. Als das strenge Werk vollendet war, gab es nicht nur keinen Lohn, wohl aber einen gehörigen «Chlapf».
Nach Art. 2 des 1799 aufgezwungenen Bundesvertrages forderte Frankreich 18 000 Mann für den Kriegsdienst, freiwillig ging niemand. In Bern war ein Zentralpark, wohin Fuhrleute, Pferde und Wagen zu stellen waren. Im April 1799 lieferte der Distrikt Zollikofen z.B. 7 dreispännige Wagen mit Pferden dorthin. Auf Jahresende waren vier nicht mehr zu gebrauchen. Ein Gesuch um Ersatz auf Staatskosten wurde abgewiesen.
Die Regierung lebte von Frankreichs Gnaden mit provisorischer Verfassung, provisorischen Behörden und provisorischen Gesetzen. Als am 30. Juli 1802 Napoleon die französischen Truppen zurückzog, entfloh sie ins Waadtland, hier auf französische Hilfe hoffend. Was die französische Armee hinterließ, waren Elend und Armut, Erinnerungen an Raub, Mord und Vergewaltigungen. In Solothurn allein gab es aus der Besatzungszeit 900 «Franzosenkinder».