Von der Zelgenordnung zur Kleegraswirtschaft am Beispiel in Wohlen

Die Aufklärung des 18. Jh. war der Beginn großer Umwälzungen, sie schuf auch hier den Willen zur Abschaffung des Zwangs. Das Bernervolk hatte das Glück, daß in der Ökonomischen Gesellschaft sich eine geistige Elite zusammenfand, um auf friedlichem Wege den Landbau zu erneuern. Johann Rudolf Tschiffeli und seine Freunde verlangten durch Wort und Schrift Abschaffung der Gemeinweide, Einführung des Kleebaus, Vermehrung des Kartoffelbaus. Die zitierte Schrift von Rudolf Holzer enthält Anträge der Ökonomischen. Eine 60 ereignisreiche Jahre später verfaßte Beschreibung Wohlens von Dekan Schärer zeigt einschneidende  Änderungen.

Brache und Zelgenordnung bestehen nicht mehr. Die viel Holz und Arbeit erfordenden Zäune verschwanden rasch und mit ihnen eine Einrichtung, die ein Jahrtausend lang Grundbuch und Katasterplan ersetzt hatte. Es wurden keine Arbeiten mehr im Verding verrichtet. Die Gemeinde Wohlen zählte 10 398 Jucharten, wovon 4320 Wald, 3299 Acker und 2071 Wiese.

Auf den früher unteilbaren und unverkäuflichen Lehensgütern sitzen die gleichen Bauern oder ihre Nachkommen, aber nun rechtlich eindeutig als Eigentümer. Vor der Revolution gab es kaum Hypotheken, jetzt über 50. Noch bestanden die sog. «herrschaftlichen Landesbeschwerden>›, nur in veränderter Form. Der Zehnten wurde von Korn, Roggen, Haber, Heu, Emd, Erbsen und Wicken bezogen, aber als Sackzehnten mehr in barem Geld. Der jährliche Ertrag des Getreidezehnten ist 600 Mütt, Hofen z.B. gab 39 Mütt Dinkel, Unter-Wohlen 27 Mütt. Der Heu- und Emdzehnten wurde vom Zehnteigentümer, dem Stiftamt, nicht selber in natura eingezogen, sondern an einheimische Landwirte versteigert, welche dann die Steigerungssumme bezahlten. In Steinisweg und Illiswil begannen sie bereits mit dem Zehntabkauf. Anderseits kamen mit Gemeinde- und Armentelle neue Steuern auf.

Das zehntpflichtige Land betrug zwischen 1825 - 30  9661 Jucharten
ursprünglich zehntfreies Land        512 Jucharten
losgekauftes Land                          618 Jucharten

Die Zehntgerechtigkeit besaßen das Stiftamt, Kornhaus und St.Johannshaus, ein anderer Teil gehörte dem Mueshafen, Insel und Burgerspital.

Die Besitzer waren somit alles obrigkeitliche Institutionen. Für die 1466 erbaute Neubrücke waren 1825 170 Mäß Roggen in natura an die Stiftschaffnerei abzuliefern, ferner von jeder Haushaltung 2 Batzen. Handdienste und Fuhrpflichten bestanden noch unverändert; für den Brunnen bei der Kirche waren die Dünkel unentgeltlich zu erneuern, dafür durften sie dort das Vieh tränken. Für Kirche und Pfarrhaus waren 20 Klafter Holz zu führen, für jedes Klafter schuldete der Pfarrer einen Trunk Wein. Bodenzinse und Ehrschätze wurden weiter gefordert, im westlichen Teil gehörten sie den Pfarrherren von Laupen und Ferenbalm. Die Abschaffung des Flurzwangs stieß auf Widerstand. Von Niederbipp z.B. ist bekannt, daß mit 98 gegen 73 Stimmen Beibehaltung beschlossen wurde; es waren die Schwachen, die Geißenbauern, die sich für ihre ungeschriebenen Weiderechte wehrten.

Es wurde jetzt alles mit der Sense gemäht, nur den Reps schnitt man noch mit der Sichel. Die Kleegraswirtschaft war da. Sie verdrängte die Esparsette und verminderte die Naturwiesen und die Ackerbaufläche. 60 Jahre vorher kam ein «Neuerer›› in Spengelried auf den Gedanken, Urin aus Stall und den «heimlichen Gemächern» in einer Grube zu sammeln. Zu Schärers Zeit war bereits bei jedem Bauernhaus ein Misthaufen; da und dort fingen sie an, Güllenlöcher zu bauen.

Die Kartoffeln wurden direkt hinter dem Pflug über oder unter dem Mist eingelegt. Einige fingen an, Furchen mit der Haue zu machen, das steigerte den Ertrag um 3O-4O Säcke. Kartoffelpflüegli und Hacker sind nicht erwähnt, sie scheinen noch nicht bekannt zu sein.

Der Wald wurde nun besser gepflegt, seitdem drei Bannwarte nebst Holzhirten da waren, um die 3068 Jucharten obrigkeitlichen und 1252 Jucharten Privatwald zu beaufsichtigen. Es gab damals die heute üblichen Baumarten, aber besonders viele Eichen, die Rottanne wurde gefördert. Wer zu viel Holz hatte, brannte Kohle, die guten Absatz fand. Ein Gutsbesitzer wollte Holz nach Holland flößen.

Der Bestand an Kühen vermehrte sich rasch. Man trieb die Tiere im Sommer noch auf die Weide, aber die «Bessern» begannen bereits mit der Stallfütterung. In Hofen und Hinterkappelen war großer «Milchertrag», ein Milchträger brachte die Milch nach Bern. Käsereien scheinen um die Berichtszeit noch keine bestanden zu haben. Eine gute Kuh gab täglich 4 Maas = 8,32 Liter, heute mehr als das Doppelte.

Rasch nahm die Bevölkerung zu, 1794 zählte man in Wohlen 1223 Seelen, 1818 bereits 1818 (!). So brauchte es viele neue Häuser, man baute sehr wohlfeil. Immer noch waren alle Gebäude aus Holz, mit Stroh oder Schindeln bedeckt, nur Ziegelfirst. Alte Steinhäuser stammen aus früherer Zeit. Die Holzhäuser waren versetzbar, es wird oft erwähnt, daß sie abgerissen und anderswo aufgestellt wurden. Da Betonfundamente und Kamin fehlten, bot das nicht besondere Schwierigkeiten. Einem Baulustigen lieferte jeder Mitbürger 1-2 Tannen. Unter Aufsicht eines Zimmermeisters wurde das Holz auf dem Bauplatz zum Aufrichten zugeschnitten. Am Tage der «Aufrichti» erschienen die Nachbarn schon bei Tagesanbruch mit Speisen beladen beim Bauherrn. Nachdem der Schulmeister mit feierlichem Gebet Gottes Segen für das neue Haus und die bevorstehende Arbeit erbeten, und

alle mit entblößtem Haupt zugehört hatten, wurde mit der Aufstellung des Gebäudes begonnen. Am Abend stand das Haus aufgerichtet da. Der Eigentümer reichte den helfenden Nachbarn eine Mahlzeit, zu der auch die Frauen und Töchter eingeladen wurden. Ein Tanz beschloß den Tag.

Das Leben der Bauern war sicher früher einfach und hart wie heute. Doch bestätigen Erinnerungen und Überlieferungen, daß Volkslied, Tanz und erheiterndes Brauchtum trotzdem gepflegt wurden. Noch in meiner Jugend sang der Bauer, sofern er in Stimmung war, zum Melken; die Kühe gaben so die Milch leichter von sich. Ich hörte noch den Mäderjodel zum Wetzen der Sensen in früher Morgenstunde. War der Kaminfeger im Kamin oben hinausgeklettert, stieß er Jauchzer aus.

Mit 2 Pferden und einer großen Ladung zu fahren, erfüllte jeden Fuhmann mit Berufsstolz; dazu gehörte, daß er mit der Geißel den «Chrüzstrich chlepfte››. Bis vor 60 Jahren wurde alles oder ein Teil

des Getreides mit dem Flegel gedroschen, zuletzt nur um langes Stroh (Schauben) für Strohbänder und die Strohdächer zu bekommen. Das tönte in der Tenne mit dem harten Lehmboden, wenn «Z,Vierte, Z'Sächste oder Z'Achte» gedroschen wurde. Aber es ging alles im Takt, da hieß es aufpassen; wer aus dem Takte fiel, hatte sofort Scheltworte der andern zu erwarten.

Nur der Schmied schlägt zum Schmieden zwischenhinein noch leer auf den Amboß. Er bezeugt damit die frühe Erkenntnis, daß Arbeit mit Rhythmus leichter fließt.

Heuet und Ärn (Getreideernte) schlossen mit den festlichen Mahlzeiten «Heuete» und «Sichlete››. Die Sichlete (1. oder 2. Sonntag im August) wurde mit Fleischsuppe mit Safran, Voressen und Züpfen besonders gefeiert. Beim letzten Fuder wurde am «Fürgstütz» ein mit Blumen geschmücktes Tännchen angebunden. Die ganze Familie fuhr hoch auf dem Fuder mit Gesang nach Hause. Wenn im Dezember die letzte Garbe gedroschen war, gab es wieder ein Festessen, die «Fleglete». In den großen «Wärch» wurde um 3.00 Uhr mit dem Mähen von Gras und «Gwächs» begonnen. Auch der reichste Bauer war selbst dabei. Mit dem Gesinde stand er gut, man redete sich gegenseitig mit Du und dem Vornamen an. Nie hörte man vom Landmann der höheren Klasse einen Fluch.

Die Sitten scheinen sich gemildert zu haben. Anerkennend erwähnt Schärer, daß in fünf Jahren von 56 Konfirmandinnen keine zu Fall kam, trotz des leidigen Kiltganges.

Überraschen wird, daß vor 130 Jahren in der Kirchgemeinde Wohlen keine Hebamme war. Kam die Frau ins Wochenbett, wurden 1 bis 2 Nachbarinnen gerufen.

Der nächste Arzt war in Bern oder Schüpfen, ein patentloser praktizierte in Möriswil. 50 Todesfälle und 65 Geburten im Jahr sind normale Zahlen für die damalige Zeit. Zur Taufe-Mahlzeit gab es am Abend Eierzüpfen. Die Wöchnerin brachte den Säugling, Götti und Gotte benetzten seine Zunge mit Wein. Dann stimmte die Gotte ein Lied an. Der Wein soll Glück, der Gesang ein frohes Gemüt verschaffen. Bei anbrechender Nacht gab es Tee mit Safran, dann blieben sie bei Gesang und Tanz noch lange beisammen.

Zum Hochzeitsmahl wird die Verwandschaft eingeladen. Sonderbar  ist, daß kein Gast ein Tischmesser erhält, beide Geschlechter bedienen sich des Sackmessers; der angesehenste Gast bedient sich zuerst am Braten oder Schinken und gibt ihn dann seiner Nachbarin weiter. Noch ein Festanlaß sei erwähnt; der Genuß des Osterlamms. Am Ostertag genießt jede Familie, wenn nicht ganz arm, Wein mit Kalbsbraten, das wird Osterlamm genannt.

Trotz der Härte infolge eines Übermaßes an Arbeit bleibt kein würdiger Armer ohne Unterstützung, kein Bettler wird vom begüterten Landmann von der Türe gewiesen.