Professor Thormann und der Bielersee

«Ja, ja,›› sagte ein alter Rebbauer aus Wingreis, «der Philipp isch e feine Ma.» Und nach ein paar Zügen aus seiner Tabakpfeife fuhr er fort:«Er schickt mer geng e Charte zum Neujahr.» 

Die beiden hatten als kleine Buben am Ufer des Sees miteinander gespielt, wenn Philipp Thormann auf Besuch bei seiner Tante weilte. Später verlebte hier der Rechtsgelehrte, als Gutsherr, viele Tage der Entspannung und Besinnung. Das «Sesshaus» wurde im sechzehnten Jahrhundert von Hans Sager, Schultheiss von Bern, erbaut und kam im Lauf der Zeit in den Besitz verschiedener alter Berner Familien, bis das Rebgut vor bald 100 Jahren an die Familie Thormann überging.

Der schöne Sitz liegt zu Fuss der Jurafelsen, in herrlicher Lage zwischen See und Rebberg. Professor Thormann, der ein Alter von 85 Jahren erreichte, blieb dem Bielersee bis zuletzt treu. Mit seiner frohgemuten Gattin und nach ihrem zu frühen Ableben mit seiner Tochter zusammen, sah man ihn geruhsam in seinem weissen Flachboot den Ufern entlang rudern, jeden Augenblick seiner Ferien geniessend.

Trotz seines überragenden Wissens auf allen Gebieten, war er von grosser Bescheidenheit und gewinnender Leutseligkeit. Sein geliebtes Wingreis inspirierte ihn öfters seinen Gefühlen in poetischer Form Ausdruck zu geben. Aus einem kleinen Werk, das er seinen Freunden widmete, sei folgendes zitiert:

Das Seeland strahlend vom Himmel herab die Sonne leuchtet des Morgens, Kühlend über den See streichet der Ostwind einher, Und mit kräftigem Schlag das Schifflein fliegt durch die Wellen, vorne am Buge spritzt schäumender Gischt in die Höh'. Ferne im Dunst du siehst die baumbeschattete Insel, Rousseau's Erinnerung geweiht, der die Natur hat geliebt. Seeland, du bist die Perle in Bernas goldener Krone, Nidau, Erlach und Twann, Ligerz, St. Peter im See! Drüben grüssen die Alpen, die Jungfrau in ewiger Schönheit. Doch viel freundlicher hier schenkt uns St. Peter den Wein!