Der neue Wein

Wenn im Frühjahr vor den Kellern grosse Zuber voll Wasser standen, worin leere Flaschen und losgelöste Etiketten schwammen und die Kinder gebrauchte Korken für Schwimmkissen sammelten, wusste man, dass die Zeit des «Abfüllens» nahte. Jetzt werden die Flaschen meist maschinell im «Trüel» gereinigt. Eine Motorpumpe, die «Tireuse», dient zum Abfüllen des filtrierten Weines direkt aus den gewaltigen Fässern, und eine «Boucheuse» verkorkt die Flaschen sorgfältig.

Über den Winter ist der natürliche Säureabbau im Wein vor sich gegangen, der regelmässig kontrolliert wird und je nach der äusseren Temperatur durch Heizen der Keller beschleunigt werden kann. Zuletzt wird durch Abkühlung die vollständige Klärung des Weines erreicht. Der «Neue» ist nicht jedermanns Sache.

Man sagt, er sei besonders «gefährlich» und mancher vertrage ihn gar nicht. Vielleicht spielt er auch bei überlieferten Nachtbubenstreichen eine Rolle, denn sicher gingen bei solchen ein paar Kellerbesuche voraus. Man erzählt, dass einst ein grosser Weinzuber an einem Seil über die Hauptstrasse baumelte und ein andermal ein schwerer Gartentisch auf einen Baum gehisst wurde.

Doch was sich Burschen aus einem kleinen Rebdorf vor etwa 60 Jahren leisteten, schiesst wohl den Vogel ab: Nachts trugen sie ein Ruderboot, das im Hafen lag und «fremden Fötzeln» gehörte, den Wald hinauf zum Berghaus und verankerten es im «Güllenloch». Der aufgebrachte Besitzer drohte mit der Polizei, so dass den Helden nichts anderes übrig blieb, als das Schilf wieder hinunter zu befördern. Da denkt man unwillkürlich an den alten Spruch:

«Vom neue Wy het mänge scho
Viel neu' Gedanke übercho.
Doch mänge het's trotz allne Lischte
Nid wyter bracht als zue nere Chischte.»