Deutungen von Flurnamen


Es liegt ein eigener, mächtiger Zauber im bunten Namenteppich von Wald und Flur. Die Flurnamen sind ein Stück intimster Heimat. An sie knüpfen sich Jugenderinnerungen, sie bedeuten Verbundenheit mit dem Dorf. Sie gehören zum Alltag, deshalb bleiben sie lebendig; sie leben weiter, oft nur einzelnen Familien bekannt.


Alte Flurnamen sind diejenigen, die eine feste Flureinteilung bezeugen, wie Allmend, Esch, Ägerten, Brache, Zelg und Radwängi, Beunde und Brühl. Das Gebiet eines Dorfes, einer sog. Markgenossenschaft, zerfiel in drei Hauptteile. Der Dorfkern mit den Beunden als Pflanzland war von einem Zaun, dem Etter umgeben. Daran anschließend kamen die Zelgen. Für die bestand die Dreifelderwirtschaft; Sommerzelg, Winterzelg und Brache folgten sich im jährlichen Wechsel. Zu äußerst waren die Allmend und der Wald als Gemeingut, wenn sie nicht einem Grundherrn gehörten.

In den seeländischen Dörfern entstammen die Flurnamen fast ausschließlich deutschem Sprachgut. Nur ganz an der Sprachgrenze trifft man einzelne Namen romanischer Abstammung, so im obern Teil des Amtes Erlach, das erst nach den Burgunderkriegen zu Bern kam. In Büetigen, 10 km von der Sprachgrenze, sind alle 80 Flurnamen deutscher Herkunft. Die Helvetier (Muttersprache gallisch keltisch) verloren 58 v. Chr. ihre Selbständigkeit. Nach Aufständen ging der letzte Rest von Autonomie verloren, dabei litt sicher die Sprache. Das Herrenvolk der Burgunder war schon nach zwei bis drei Generationen romanisiert. Tausend Jahre nach der Keltenniederlage sind sichtlich keine Flurnamen mehr in ihrer Sprache gebildet worden.

Von 10 von mir besuchten Gumi-Gummen ist die Mehrheit ein unweit des Dorfes gelegener Feldabschnitt, ohne Graben. Es ist leichter bis mittlerer Boden, der einst als Weide diente. Gumi kommt von gumen-gaumen-hüten. Diese Auffassung vertreten auch die Forscher Buck, S. 93 und Bancalaria.

Hieher kann auch der Name des einstigen Städtchens Gümmenen gehören, 1251 Guminun, 1259 Contamina, 1319 Condemina geheissen.

Der letzte Name wird auch als Kondominium(Mitherrschaft) gedeutet.

Gümmenen liegt an einer Enge, da ist Abstammung von combe möglich, aber ebensogut kann Guminun von Weide (Gummen) herkommen. In den spärlichen Geschichtsquellen aus dem ersten Jahrtausend n. Chr. sind Flurnamen selten. Erst durch die Zerstückelung des Landbesitzes im 10.-14. und besonders seit dem 16.Jh. melden Urkunden vermehrt solche Namen. Sie betreffen besonders Merkmale des Bodens, z.B. 1313 in Büetigen «in der Durri», heute Dürrenmatt. Durri hatte damals den Sinn von hart. Da ist noch heute, 650 Jahre später, schwerer Lehm, mühsam zu bearbeiten.

Beunde, Bifang und Einschlag bedeuten eingefriedetes Land. Beunden (Bünden, Bühne, Pünten, Bint) waren Pflanzland für die Dorfbewohner innerhalb des Etters, damit Privatbesitz. Das Wort kommt nach den Forschern Guttenberg und Strunk vom ahd. bi-unda (beim Rand der Mark). Beunde ist nach Vollmann der verbreiteste Flurname.

Die Bifang (ahd. bifahan=umzäunen oder biwindan=umwinden) waren ein Feld außerhalb des Etters. Sie gehören zu der Gruppe von Namen, die entstanden, als zufolge der Bevölkerungsvermehrung von

der Allmend Land an die Markgenossen abgegeben wurde. Das wurde mit Furche, Graben oder Zaun umgeben, mdh bifahen (umfangen). Einschlag hat ähnlichen Sinn (ahd. bislahan=einschlagen), ist aber häufiger für Waldstücke anzutreffen.

Verbildungen, Verwitterungen aus Beunde und Bifang scheinen sich vermischt zu haben, Ausscheidungen werden damit erschwert.

Ein alter, sehr häufiger Flurname ist Leutsche, er läßt verschiedene Deutungen zu. Die Abgabe von Gemeindegrund im 9.Jh. erfolgte durch das Los (mhd. Luz). So erhaltene Stücke nannten sie Lüße, in den Lüssen.

Eine heutige Leutsche hieß 1343 Lösche. Lische gedeiht in Sümpfen, Lusche bedeutete eine Pfütze (Glungge). Lütten bedeutet dagegen Lettengrund; im Lütschenboden zu Radelfingen passen Name und Boden zusammen, es ist dort gelber Lehm. In den Leutschen zu Oberlindach, Weingarten und Büetigen ist weit und breit kein Sumpf. Es ist alter, nicht schwerer Kulturboden. Ist kein Gras mehr, da tut das Vieh auf der Weide «herumleutschen».

Im Chästu zu Ostermanigen und im Chastel ob Ruchwil war nie ein mKastell. Ein steiler Abhang wie in Riedtwil heißt Kasten, siehe auch den Hohen Kasten zu Appenzell und den Kästelrain zu Radelfingen.

Ein Sandacker hat nicht sandigen Grund. Vielmehr ist es fruchtbarer Boden, der früh gereutet wurde. Der Name kommt von sengen=brennen. Überall vertreten sind Au und Ey, oft als Endungen. Wir treffen sie besonders in Ortsnamen an. Beide besagen dasselbe und stammen von ahd. ouwa, mdh. auwa (Land am Wasser).

Die Brache blieb unbebaut, konnte ausruhen, eine Ägerte dagegen war ein nur selten der Beackerung unterworfenes Feld. Wie auf der Allmend, wurde auch auf den Ägerten und Brachen geweidet. Der Flurname Hungerberg ob Jens ist ein Zeuge der einstigen Weidewirtschaft. War das weidende Vieh gesättigt, wurde es unter Weidebuchen zum Ausruhen zusammengetrieben. Solche Plätze hießen Hungerberge, weil es dort nichts zu fressen gab.

Loo, Lo, Lohn, Loch, Loh, verkleinert Löli, bezeichnen Niederwald oder ein kleines Gehölz. Wir treffen dieses Wort als Flurnamen und als Ortsnamen, z.B. Lomatt, Emmetschloo, Lohn, Pieterlen. Letzteres

hieß 1269 Bieterlohn, 1255 Bietherloch, 1300 Bieterlo, 1310 Byetterlohn. Biet kommt von Gebiet, Bezirk (Buck 27) oder von bieten, steigern (s. Bietenstal in Gränichen und Bietenholz bei Effretikon).

Le, Lee, mhd. Lê finden wir bei Land in erhöhter Lage, sie bedeuten Anhöhe (Halbleh, Bisenleh, Leehubel usw.). Halbleh heißt wörtlich übersetzt «Richtung Anhöhe››. Leh und Lehen mischen sich leicht. Stängeler und Stängelacker sind alter Kulturboden, eher leicht und steinig. Stang ist ein altes Wort für Stein.

Marlache befindet sich in einer tiefen Lage, wo es bei Regenwetter noch heute Lachen gibt. Dieser Flurname verrät eine Doppelbenennung: Mar kommt von mare-muor-Moor.

Den Namen Mutti tragen Felder mit schwarzer Erde, die einstiges Moor bezeugt. In alter Zeit nannte man Moor <<Mott>› oder «Muttich>›. Bachtelen erläutert sich selbst beim Zerlegen in Bach-tel (Bach-talen). Es wird für unbedeutende Wasserrinnen gebraucht.

Im Schlatt war einst ein Sumpf. Ähnlichen Sinn haben Brühl, Gwatt, Watt, Gfenn, Fenne, Horb, Hüll, Küll, Kill, Langet, Laehe, Mutz, Schwad, Süderen, Sulge, Surbe, Sorbe usw. In Schüpfen finden wir längs der Bahnlinie mit Horbenmatt, Brühl und Mettlen drei einstige Sumpfnamen.

Aspi, Eichi, Birchi, Erlen und Buchacker brauchen keine Erläuterung.

Sperri ob Baggwil erinnert an das früher auf steilen Straßen übliche «Sperren›› der Räder mittels Schleipftrog oder dann gab der «Sperbaum» (die zahme Vogelbeere) den Namen. In vielen Orts-, Flur- und Geschlechtsnamen finden wir den Namen der Weiden. Sie treten in vielen Formen auf. Am leichtesten erkennen wir sie in den Namen Wyden und Sahli. Weißdorn hieß auch Hagedorn, daraus entstand Heggidorn. Schweigholz im untern Werdhof war früher Besitz der Frienisberger Klosterherren. Beim Verkauf von 544 Jucharten im 17. Jh. ist es mit 136 Jucharten ausdrücklich ausgenommen. 1248 hatte das gleiche Kloster auch in Oltigen ein Schweigholz erworben und 1477 ist in Krauchthal ein Schweiggraben erwähnt. Schweigholz oder Schweige war ein abseits stehender Hof, oft zu einem Kloster gehörend. Der Schweiger wirtschaftete darauf als Bauer oder Meisterknecht; in Bayern heißt der Bauer oder Fuhrmann noch heute Schwager.

Flurnamen gibt es allein im Seeland mehrere tausend. Leider verschwinden viele mit der Verstädterung und den Güterzusammenlegungen. Frühe urkundliche Namen sind in diesem Falle nicht zahlreich. Sind solche vorhanden, gibt deren Vergleich mit den heutigen mundartlichen Formen, dazu Bodenprobe und Kenntnis der einheimischen Pflanzenwelt Sicherheit in der Deutung. Für die Flurnamenforschung sind diese Realproben eine Notwendigkeit. Es gibt noch genug Zweifelsfälle.