Die Aare

1. Ihre kulturelle, strategische und politische Bedeutung

Flußläufe spielten oft eine entscheidende Rolle bei er Gründung von Städten oder Bildung von Staaten. In der Schweiz hat kein Fluß so zu der Größe eines Kantons beigetragen, wie der Aarelauf zur territorialen Entwicklung Berns. Vor der Gründung der Stadt aber kam ihm eine mehr trennende Rolle zu. Nach der Einführung des Christentums bildete die Aare während 1½ Jahrtausenden die Grenze zwischen den Bistümern Aventicum-Lausanne und Basel einerseits und Vindonissa und Konstanz andererseits. Lausanne und Konstanz hatten nicht den gleichen Kalender; die kirchlichen Oberleitungen waren nicht gleicher Sprache und entstammen einem anderem Kulturkreis. Schon oft wurde darüber gestritten, ob die Grenze zwischen Alemannen und Burgundern der heutigen Sprachgrenze oder dem Aarelauf entspreche.

Es ist dabei zu bedenken, daß diese Stammesgrenze durch kriegerische Geschehen oft hin und her geschoben wurde. Auf den Siegeszug von 406, bei dem die Alemannen bis an den Genfersee gelangten, folgte 496 die Niederlage bei Zülpich; die Burgunder benützten die Gelegenheit, die Alemannen auf das Gebiet Aare-Saane oder Freiburg-Juraseen zurückzuwerfen. Besonders auf alemannischer Seite blieb das Grenzgebiet lange Zeit fast unbesiedelt, denn nach alemannischem Brauch wurden Grenzstreifen zur Sicherung unbebaut gelassen. Es war Jahrhunderte lang Niemandsland. Noch in einer Urkunde von 1016 betreffend Mühleberg wird es als «desertum» (Wüste oder unbebautes Land) bezeichnet. Diese Gegend wurde auch «deutscher Wald» oder lat. «silva teutonicorum» geheißen. Forst, Spielwald und Galmwald können Teile davon sein. Kaum ein anderes Gebiet weist so viele Ringwälle und Erdburgen auf wie das Uechtland. Emmanuel Lüthi fand an der Saane 23, an der Sense 17 davon. Häufig stehen zwei einander gegenüber,z.B. Wileroltigen und Oltigen. Der Zweck der ganzen Verteidigungslinie bestand darin, dem Vordringen der romanisierten Burgunder Halt zu gebieten. Die Aare hatte dabei strategische Bedeutung.

Nach der Verheiratung Bertas, der Tochter des Alemannenherzogs Burkard mit König Rudolf II. von Burgund im Jahre 922, war die Aare nur noch Grenze einer untern Verwaltungseinheit. Im 9. Jh. lag links der Aare die Pipinsche Grafschaft, dieser folgte bis ins 11.Jh. die Grafschaft Bargen; rechts lag der Aargau. Im 13. und 14. Jh. erfolgte die Teilung in Landgrafschaften, links der Aare Aar-Burgund, rechts Klein-Burgund.

Als teilweise Gebietsnachfolger folgten vom 15. bis 18.Jh. die Landgerichte Seftigen und Sternenberg, Konolfingen und Zollikofen. Die Aare bildete dabei die Verwaltungs- und Gerichtsgrenze. Wichtig wurde im Laufe der Geschichte die Sprachgrenze; sie hatte sich allmählich im 11.Jh. gebildet, wobei die Stammesgrenze entscheidend war. Eine Lausanner Urkunde nennt den Chandonbach als Sprachgrenze. An der Bauart der Häuser, der Siedlungsform, den Eigenarten in der bäuerlichen Wirtschaft, dann in Orts- und Flurnamen erkennen wir, daß Sprach- und Stammesgrenze heute weitgehend übereinstimmen. Mit dem Erstarken der Stadt Bern wurde diese kultureller Mittelpunkt; die Aare war nicht mehr ein trennender, sondern ein die Staatsbildung fördernder Faktor.