Die Zeit für einen Kindergarten ist reif...
Aber auch hier wollte gut Ding Weile haben. Die lnitianten benötigten viel Durchhaltevermögen, um der Einführung eines Kindergartens zum Durchbruch zu verhelfen. Der Kanton unterstützte derartige Bestrebungen; gesetzliche Vorschriften bestanden aber noch keine.
Der 90 Mitglieder zählende Kindergartenverein ersuchte den Gemeinderat am 29. März i969, im leer stehenden Lokal des alten Schulhauses Wierezwil auf rein privater Basis und ohne finanzielle Folgen für die Gemeinde, einen Kindergarten einzurichten. Das Gebäude befand sich damals noch im Besitz der Gemeinde.
im Gemeinderat ertönten warnende Stimmen: «Dies ist nur der Anfang. Bald wird die Sache Gemeindenhilfe nach sich ziehen, Abwartsdienste, Heizung etc» Nach eingehender Beratung wurde beschlossen, dem Verein die Benützung eines Raumes zu überlassen. «Die Gemeinde wird sich aber finanziell nicht beteiligen! » endet der Protokolleintrag.
Bei näherer Betrachtung zeigte sich bald, dass die vorhandenen Räumlichkeiten den Anforderungen eines Kindergartenbetriebs nicht genügen konnten. Die notwendigen Investitionen überstiegen die finanziellen Möglichkeiten des Kindergartenvereins.
Als günstige Gelegenheit erwies sich im Sommer 1970 der Erwerb eines Occasion-Schulpavillons von Wiler bei Utzenstorf. Der Verein wollte diesen Pavillon auf dem Platz vor dem Gemeindehaus aufstellen. lm Gesuch an den Gemeinderat wurden auch ein Anschluss ans Stromnetz, ans Abwasser- und Wasserleitungsnetz und die Übernahme der Kindergärtnerinnenbesoldung im Beträge von 10000 Franken durch die Gemeinde gewünscht.
Obwohl die Bewilligung des Gesuches - mit Ausnahme der Übernahme der Kindergärtnerinnenbesoldung – in der Kompetenz des Gemeinderates gelegen hätte, beschloss dieser in Vorahnung der zu erwartenden Opposition, das Geschäft der Gemeindeversammlung zu unterbreiten. Eigenartigenweise wurde auch beschlossen, der Versammlung weder einen Antrag für, noch gegen das Gesuch vorzuschlagen.
..doch der Souverän zeigte keine Einsicht
An der Gemeindeversammlung vom 4. September 1970 ging es hitzig zu und her. Die Befürworter führten ins Feld, dass man fast tagtäglich von Neueröffnungen von Kindergärten lesen könne. Dies sei ein Beweis, dass eine solche Einrichtung sinnvoll sein müsse. Der von der Gemeinde eingeforderte finanzielle Beitrag sei massvoll und verkraftbar, die Transportfrage sei lösbar. Die Vorschulerziehung erhalte damit einen zunehmend höheren Stellenwert, da die Kinder oft allein den Medieneinflüssen überlassen würden.
Die Gegner argumentierten vor allem mit der ungenügend abgeklärten Kostenfrage. Es würden Privilegien für die Kinder aus dem Dorf Rapperswil geschaffen, da das Transportproblem nicht gelöst und finanziell nicht tragbar sei. Die Gemeinde sei durch das Vorgehen des Kindergartenvereins vor vollendete Tatsachen gestellt worden.
Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass in der Diskussion die Sachlichkeit der Aussagen nicht immer über alle Zweifel erhaben war. Da vernahm die Versammlung etwa: «Wir Sozialdemokraten haben beschlossen dagegen zu sein, darum sind wir dagegen!» Oder ein anderer meinte: «Vermutlich bin ich der einzige in diesem Saal, der in seiner Jugendzeit einen Kindergarten besuchte. Darum werde ich nie ein eigenes Kind in einen Kindergarten schicken!»
ln Abänderung der traktandierten Vorlage liess der Gemeindepräsident nun über 2 Fragen befinden:
1. Erteilung einer Baubewilligung auf dem Gemeindehausplatz und
2. Übernahme der Besoldung einer Kindergärtnerin
Beide Vorlagen wurden haushoch abgelehnt. Die Einführung eines Kindergartens war damit vorläufig abgeschmettert.
Gemeindepräsident Ferdinand Muster ermunterte die lnitianten in seinem Schlusswort, ihre Arbeit trotzdem fortzusetzen und zu bedenken, dass die Realisierung von Neuerungen in ländlichen Gebieten immer eine etwas längere Reifezeit brauchten.
Der Vorstand des Kindergartenvereins hielt trotz der niederschmetternden Niederlage an seiner Zielsetzung » Einführung eines Kindergartens - fest, verkaufte allerdings bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit den Schulpavillon.
Es wird ein zweiter Anlauf genommen
Nach uneigennützig geleisteten Vorarbeiten und Sammelaktionen ergab im Frühjahr 1974 eine Umfrage bei 82 Familien eine grossmehrheitlich positive Stimmung zu Gunsten der Eröffnung eines Kindergartens. So reichte der Vorstand erneut ein Gesuch beim Gemeinderat ein.
Gleichzeitig hielt der Verein auch Ausschau nach einem möglichst zweckmässigen Schulraum. Das kleinere Schulzimmer im Schulhaus Seewil bot sich als Provisorium an. Auch die kantonalen Behörden gaben ihre Zustimmung. Weniger begeistert waren die Einwohnerinnen und Einwohner von Seewil. Das Zimmer konnte nicht mehr als Versammlungslokal benützt werden.
Die Meinungen im Gemeinderat waren geteilt. Man befürchtete wiederum Transportprobleme und weitere Kosten zu Lasten der Gemeinde. Andererseits wurde anerkannt, dass der Verein viele Vorarbeiten geleistet und viele Geldmittel zusammengetragen hatte, um mitzuhelfen, die zu erwartenden Lasten zu tragen.
Für den Verein wäre es wohl eine Art Todesstoss gewesen, wenn ihm abermals eine Niederlage zugefügt worden wäre. Zudem musste mit einem obligatorischen Vorschulunterricht in absehbarer Zeit gerechnet werden.
Die zukunftsgerichteten Kräfte im neuen Gemeinderat behielten schliesslich die Oberhand, so dass der Gemeindeversammlung vom 24. Mai 1974 beantragt wurde, der Kindergarten sei einzuführen.
Nach kurzer Diskussion stimmte die Gemeindeversammlung mit 120 gegen 28 Stimmen zu. Ein einzelner Votant hatte zuvor vergeblich versucht, zahlreiche Nachteile und problematische Aspekte aufzuzeigen. Endlich konnte der Kindergarten im Herbst 1974 seinen Betrieb aufnehmen