Pieterlen Kirche
Umrahmt von Jahrhundertealten Bäumen
Die hoch über dem Dorf gelegene, weithin sichtbare Kirche ist in mancher Hinsicht ein bedeutsames Gebäude. Sie liegt eingebettet in einen unter Naturschutz stehenden Buchswald auf einem Tuffelsen.
Ausgrabungen haben gezeigt, dass sich dort bereits zur Zeit der Völkerwanderung ein grosser burgundischer Friedhof befand. Dass diese Burgunder schon Christen waren, ergibt sich aus dem Fund einer 40 Zentimeter langen silbernen Gürtelschnalle (jetzt im Historischen Museum Bern), auf welcher Kreuze eingraviert sind. Sie wurde während der Renovationsarbeiten im Jahre 1956 unter dem Schiff der Kirche in einem Grab gefunden und zählt zu den schönsten Stücken dieser Art in der ganzen Schweiz.
Historische Raritäten
Man nimmt an, dass Pieterlen schon sehr früh eine Kirche besass. Möglicherweise stand am gleichen Platz bereits vor dem Jahre 1000 eine Kapelle. Das ursprünglich ganz im romanischen Baustil erstellte Schiff der jetzigen Martins-Kirche (geweiht dem heiligen Martin, dem barmherzigen Bischof von Tours) stammt aus der Zeit der ersten Jahrhundertwende nach Christus. Die zum damaligen Gotteshaus gehörende Chorapsis ist bloss noch in den Fundamentmauern erhalten und kann unter dem jetzigen gotischen Chor besichtigt werden. Aus jener Epoche stammt auch der schlichte Taufstein aus Muschelsandstein. Man fand ihn während der letzten Renovation irgendwo in einem Nebenraum und führte ihn aufs neue seinem Zweck zu. Ausserdem kam das Bild einer Apostelfigur zutage, das glücklicherweise sehr gut erhalten war und sehr schön restauriert werden konnte. Vermutlich waren in der alten romanischen Apsis alle zwölf Apostel dargestellt, überragt vom Christus Pantokrator. Diese einzig erhaltene Apostelfigur ist eine Rarität in der schweizerischen Kunstgeschichte, auf die Pieterlen stolz sein darf. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde die Kirche erweitert. An das romanische Schiff wurde in frühgotischem Baustil ein grösserer Chor angebaut, welcher ebenfalls ein architektonisches Kleinod ist.
Künstlerische Zierden
Der Besucher kann auch da allerhand bewundern: Die zwei Kreuzgewölbe mit dem erneuerten gotischen Sternenhimmel und ihren fein profilierten Rippen aus Tuffstein; die zweifarbigen Schlusssteine, von denen der östliche eine fünfblättrige Rose und der westliche ein merkwürdiges, aus drei menschlichen Schenkeln gebildetes Motiv zeigt, das wohl als Symbol der Dreieinigkeit gemeint war; das Rittergrab der Herren von Eptingen-Wildenstein mit einem Adler und einem schön modellierten gotischen Helm in einer Fresken-Nische mit der Darstellung der Kreuzesnahme Christi; der gediegene gotische Priesterdreisitz an der Südwand; die baugeschichtlich aufschlussreichen Glockenseilöffnungen - und vieles andere mehr. In der Mitte des Chors steht der aus dem Jahre 1624 stammende barocke Abendmahlstisch mit seinem kunstvoll gebildeten Sockel aus Kalkstein und etwas seitwärts ins Kirchenschiff gerückt der romanische Taufstein in monumentaler Kelchform.
Die Kirchgemeinde Pieterlen besitzt auch zwei spätgotische goldene Abendmahlskelche, die jedoch seit 1898 im Historischen Museum in Bern aufbewahrt werden und nur zur Osterzeit für das Abendmahl in Pieterlen verwendet werden. Für die anderen Abendmahlsfeiern hat man noch zwei Silberbecher.
Uralte Glocken
Der Kirchturm wurde erst im 15 .Jahrhundert erbaut. Vorher hatte die Kiche einen Dachreiter. Eigenartigerweise sind die Schallfenster des Turmes im romanischen Stil angefertigt. Die älteste Glocke trägt die Jahrzahl 1458 und die Inschrift «O rex glorie criste veni nobis cum pace››, geschmückt mit Heiligenbildern. Eine weitere Glocke trägt die Jahrzahl 1508 und die Inschriften: «Ocanna heis ich, hans ruodolf gowenstein von basel gos mich» und «deum colo, festa decoro, sidera frango, defunctos plango. anno domini m.cccc.VIII.›› Diese beiden alten Glocken tragen Bildnisse des heiligen Martin zu Pferd, Wie er den Mantel zerschneidet und dem Bettler schenkt und Maria mit dem Jesuskind und Maria mit Johannes beim Kreuz Jesus stehend. Die Kirche war vor der Reformation dem heiligen Martin geweiht. Die beiden kleinen Glocken sind Umgüsse aus dem Jahre 1862. Sie tragen die Inschriften: «In Jesu Christo gilt der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist, Kirchgemeinde Pieterlen.›› - und «Gott allein die Ehre, Kirchgemeinde Pieterlen.»
Leider wurde bei der Turmrenovation von 1951/52 das urprüngliche Käsbissendach nicht – wie vorgesehen - wiederhergestellt, weil man sogar im Uhrmacherdorf nicht auf die Kirchenuhren verzichten wollte, die nach West und Ost die Zeit anzeigen!
Romanik und Gotik vereint
Das romanische Kirchenschiff erhielt später nach Süden drei grosse gotische Fenster. Das östliche Fenster trägt drei Wappenscheiben aus dem Jahre 1607 mit Wappen des Bischofs von Basel, der bis 1815 weltlicher Herrscher in Pieterlen war, der Stadt Biel und des Klosters Bellelay, zu dessen Abtei die Kirchgemeinde Pieterlen vor der Reformation gehörte. Eine vierte Wappenscheibe zeigt das Familienwappen der Wildermeth aus Biel, die in Pieterlen ihren Sitz hatten (das «Schlössli››). Von der Reformation bis 1815 setzte ein Vertreter des Bischofs von Basel jeweils die reformierten Pfarrer von Pieterlen ein, eine Kuriosität, die ihresgleichen sucht! (Pieterlen gehörte einst kirchlich zum Bistum Lausanne, politisch zum Fürstbistum Basel und militärisch zur Stadt Biel. Von 1798-1815 gehörte es zur französischen Unterpräfektur Delsberg des Departementes Oberrhein.) Bemerkenswert ist auch das 1941 vom Glasmaler Paul Zehnder geschaffene Chorfenster mit einer Darstellung der Auferstehung Christi.
Gesang, Posaunen und Orgel
Heute steht in der Kirche eine Orgel mit 22 Registern. Sie wurde 1957 eingebaut (Wälti- Orgel) und ersetzt diejenige aus dem Jahre 1910 (Kuhn-Orgel mit 15 Registern und neugotischem Prospekt).Letztere war die erste nachreformatorische Orgel der Kirche! Hans Gugger weiss in seinem Buch über die bernischen Orgeln zu berichten: Schon im Pfarrbericht von 1840 berichtet der damalige Geistliche, dass sie hier keine Orgel hätten, der Kirchengesang deswegen aber nicht schlechter sei als andernorts. Auf dem Fragebogen des Synodalrates im Jahre 1900 macht sich Pfarrer Rettig lustig über die Fragerei und schreibt auf die Frage, wann die Orgel erstellt worden sei: «niemals» usw. Doch nimmt sich derselbe Pfarrherr die Mühe, auf der Rückseite des Formulars die an sich sehr erfreuliche Situation des Kirchengesanges in seiner Kirche in dem hier folgenden Bericht zu schildern (gekürzt):
«Vorstehenden rein negativen Antworten muss ich jedoch noch beifügen, dass früher der hiesige Kirchengesang mit Posaunen begleitet wurde, von denen noch Bruchstücke vorhanden sind. Unter Pfarrer Dick wurde die Leitung des Kirchengesangs an die beiden Männerchöre von Pieterlen und Meinisberg übertragen, welche damit Sonntag für Sonntag abwechselnd sangen. Zum Schluss des Gottesdienstes wird vom betreffenden Chor noch ein Lied gesungen, meist religiösen Charakters, doch kommen auch hin und wieder Naturlieder oder Vaterlandslieder dabei vor, jedenfalls nichts Unpassendes. Bei dieser Einrichtung geht zwar die von wirklich gutem Orgelspiel zu wirkende Erhebung des Gemütes verloren; indessen leidet der Kirchengesang selbst dabei nicht. Wohl sind wir einigermassen beschränkt in der Auswahl der Lieder (circa 60 Melodien): allein es wird gut und kräftig gesungen, bei ziemlich allgemeiner Beteiligung und in etwas raschem, doch keineswegs der Sache unangemessenem Tempo. Herr Pfarrer Dick selig soll gegenüber geäusserten Wünschen nach einer Orgel gesagt haben, er zweifle, dass Kirchenbesuch und Kirchengesang dabei gewinnen würden, wenn die jungen Männer nicht mehr als Mitglieder der Gesangvereine sich an regelmässigen Kirchenbesuch gewöhnten, und wenn die Kirchenbesucher in den Orgeltönen eine Enthebung von der eigenen Sangespflicht zu hören glaubten. Diese Ansicht ist unter der hiesigen Bevölkerung zum Dogma geworden, und einstweilen habe ich keinen Grund, dasselbe zu bekämpfen»
Stolz der Gemeinde
Pieterlen ist stolz, eine so schöne Kirche als Mittelpunkt der christlichen Gemeinde zu besitzen. Für den Auswärtigen lohnt es sich, dieses Kleinod am Jurafuss zu besichtigen.