Oberwil Kirche

Gebiet der Kirchgemeinde:

Zur Kirchgemeinde Oberwil bei Büren an der Aare gehören ferner die solothurnischen Gemeinden Schnottwil, Biezwil, Lüterswil, Gossliwil und Bibern (gemäss der Übereinkunft vom 23. Dezember 1958 zwischen den Kantonen Bern und Solothurn betreffend die kirchlichen Verhältnisse in den Evangelisch-reformierten Kirchgemeinden des Bucheggberges und der Bezirke Solothurn, Lebern und Kriegstetten).

Bernisch- solothurnisch

Trotzdem die Kirche von Oberwil auf bernischem Boden im Bürenamt steht, wird sie gern in den Kreis der bucheggbergischen Gotteshäuser eingereiht, und zwar wohl deshalb, weil von den sechs politischen Gemeinden, die der Kirchgemeinde angeschlossen sind, nicht weniger als fünf zum solothurnischen Bucheggberg gehören. Es sind dies Schnottwil, Biezwil, Lüterswil, Gossliwil und Bibern.
Diese Zusammensetzung der Kirchgemeinde Oberwil ist sehr alt. Es ist erwiesen, dass zum Beispiel das Dorf Schnottwil schon 1326 in Oberwil kirchgenössig war, und dass anfangs des 16. Jahrhunderts das ganze Gericht Schnottwil, das auch die Dörfer Biezwil, Lüterswil und Gossliwil umfasste, zum Gebiet der Kirchgemeinde Oberwil gehörte. Dass diese Verhältnisse über Jahrhunderte und bis zur Gegenwart weiterbestehen konnten, rührt vor allem daher, dass der solothurnische Bezirk Bucheggberg unter dem Einfluss, dem Druck und der Hilfe Berns, daselbst über Jahrhunderte die hohe Gerichtsbarkeit, und die Aufsicht über Kirche und Schule ausübte, reformiert wurde und bleiben konnte, während der übrige, viel grössere Teil des Standes Solothurn beim alten Glauben verblieb. Dass vor allem während der Jahrzehnte nach der Einführung der Reformation in der Kirchgemeinde Reibereien und Spannungen nicht zu vermeiden waren, versteht sich.
Heute aber bildet die Kirchgemeinde Oberwil ein Beispiel dafür, dass über die Kantonsgrenzen hinaus, das heisst in Zusammenarbeit mit den bernischen und solothurnischen Instanzen, im Dienste der Allgemeinheit aufbauende Arbeit geleistet werden kann und auch geleistet wird.


Ein Bild voller Poesie

Die Kirchenanlage Oberwil mit dem schlanken, jungfräulich anmutenden Turm, dem schweren, eichenen Glockenhaus und der schützenden Kirchhofmauer bildet eine überaus schöne Einheit, die ergänzt wird durch das behäbige, im Jahre 1604 erbaute und vor einigen Jahren restaurierte Pfarrhaus, einem «feudalen Landhaus››, wie irgendwo in einer Chronik zu lesen ist. Der Treppenaufstieg von der Pfarrhausanlage hinauf zu der Kirche bietet dem Kirchenbesucher ein Bild voller Poesie und besonders an einem sonnigen Morgen eine Fülle von Licht- und Farbkontrasten.

Abbild der Jahrhunderte

Das Kirchenschiff weist gotische, der Turm eher romanische Elemente auf. Urkundliche Nachrichten über die Baugeschichte der Kirche Oberwil sind ziemlich spärlich. Man weiss, dass das Gotteshaus sicher um die Mitte des 13. Jahrhunderts bereits vorhanden war. Die ehemaligen Öffnungen in den Umfassungsmauern, welche bei der Renovation von 1929/30 entdeckt wurden, sprechen dafür, dass auf jeden Fall mehrmals grössere Umbauten vorgenommen worden sind.
lm Innern fesseln den Besucher die Kanzel mit dem eingelegten Holzwerk und der Sanduhr, der Taufstein aus dem 17. Jahrhundert und andere Zeugen hoher handwerklicher Kunst längst vergangener Zeiten.

Wappen als Glasgemälde

Die Glasgemälde der Chorfenster verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit; denn sie laden uns mit ihrer Farbenpracht und den Sujets - meist Wappenscheiben - ein, uns mit der Geschichte der Kirche auseinanderzusetzen. Die älteste und wohl wertvollste Scheibe weist das Wappen des Burgerspitals Bern auf: Den schwarzen Dreispiess im roten Feld. Die beiden andern Wappen der gleichen Scheibe gehörten den Spitalvögten Wyler und Huber, welche anfangs des 16. Jahrhunderts im Amte waren. Wir finden ferner eine auffallend grosse bernische Standesscheibe von 1711 mit dem Wappen der Schultheissen Emanuel von Graffenried und Joh. Fr. Willading sowie dem Unterspitalmeister Gabriel Tschiffeli. Die Kirchenfenster werden ferner geziert mit einer Wappenscheibe der Stadt Büren und einem aus dem Jahre 1638 stammenden Wappen von Daniel Lerber, seinerzeit Venner und Obervogt des grossen Spitals, erwähnen wir ferner die Glasscheibe mit dem Wappen der Sitzgemeinde Oberwil - eine Egge im blauen Feld - eine Glasmalerarbeit aus dem Jahre 1624 sowie aus dem jetzigen Jahrhundert das Familienwappen der Pfarrherren Kocher.

Frühe Orelbegeisterung

Oberwil gehört zu jenen seeländischen Gemeinden, welche schon früh - bereits im 18. Jahrhundert - eine Orgel anschafften. Die genaue Jahrzahl des Orgelkaufes ist heute noch unbekannt. Wahrscheinlich ist es das Jahr 1770 oder 1779, als die Kirchgemeinde ihr erstes Orgelwerk (10 Register) bekam. 1901 baute Meister Zimmermann aus Basel ein 14-Register-Instrument und bereits dreissig Jahre später (1932) erhielt die Kirche ihre noch heute im Dienst stehende Orgel (Kuhn, Männedorf; 15 Register).

Die Ursprünge der Pfarrei

Die Gründung der Pfarrei Oberwil, einst Mutterkirche von Balm bei Messen, geht zurück in die karolingische Zeit. Im Hochmittelalter mag der Pfarrkreis Oberwil noch viel grösser gewesen sein als heute und die Tochterkirchen Diessbach, Rüti und Büren in sich eingeschlossen haben. 
Das Gotteshaus war eine Schenkung eines Grafen Von Strassberg im 11. Oder 12. Jahrhundert. Der Kirchensatz, die sogenannte Kollatur, das heisst das Recht der Pfarrwahl und der Verwaltung des Pfrundvermögens, lag denn auch lange Zeit in den Händen der Herren von Strassberg. Durch Kauf, Tausch und Erbe gelangten diese Rechte dann allerdings später an andere adelige Herren, wie unter anderem den Grafen Rudolf von Neuenburg und schliesslich im Jahre 1408 an das Burgerspital Bern. Über vier Jahrhunderte blieben diese Rechtsverhältnisse unverändert, bis dann 1839 der Staat Bern die Verwaltung des Kollaturvermögens der Pfarrei mit der Verpflichtung übernahm, in Zukunft den Pfarrer zu besolden, und zwar in gleicher Höhe wie die anderen bernischen Geistlichen. Bern durfte dies getrost tun, denn Oberwil war eine der einträglichsten Pfarreien der bernischen Landeskirchen. Die fünf angeschlossenen solothurnischen Bucheggberger Gemeinden waren mit dieser Verstaatlichung damals nicht ohne weiteres einverstanden, zumal Solothurn nach dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft Kollatur und Pfrundgebäude den Gemeinden überliess, welche dann ihrerseits aber die Geistlichen zu besolden hatten (und heute noch haben).

Glockenhaus und Kirchturm

Unklar ist der Ursprung des Glockenhauses, das einige Meter vom Kirchturm entfernt an die Kirchhofmauer angelehnt steht. Es soll eine Schenkung der Gräfin Bertha von Strassberg gewesen sein und wird sogar mit der Königin Bertha von Burgund in Zusammenhang gebracht. Weil die geschenkten Glocken wegen ihrer Grösse im Kirchturm keinen Platz fanden, soll das besondere Glockenhaus gebaut worden sein. Von der heute noch darin hängenden Glocke wird gesagt, dass sie eine Schenkung der Herzogin von Longeville oder Nemours gewesen sei. Sie trägt die Jahrzahl 1692 und unter anderem die Inschriften: «Her regier den Glogen Clang / Das dein Volk gern zum Wort Gottes gang» - und: «Us dern Feur” bin ich geflossen/ Abraham Gerber in Bern (hat) mich gos(sen).›› Die Glocke muss eine bereits früher daselbst gehangene ersetzt haben, denn im Taufrodel von Oberwil findet sich eine Notiz von Pfarrer Buri, der 1672-1687 dort amtete, lautend: «Die gloggen, so im gloggenhus hanget, ist gossen worden im 1533 jar.»

Von den zwei Glocken im heutigen Kirchturm gleicht die eine derjenigen im Glockenstuhl. Sie trägt die Jahrzahl 1696 und fast wörtlich die gleichen Inschriften. Gegossen wurde sie auch von A. Gerber, Burger in Bern. Die zweite stammt aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts. In gotischen Buchstaben trägt sie die Inschrift: «Ave maria, gratia plena (Lucas I, 28) anno domini m.ccccc. und XII iar.›› (= 1512). Sie ist weiter mit zwei Figuren verziert: Christus am Kreuze und einem bewaffneten Ritter, der sich auf einen Wappenschild stützt.

Filialkirche in Schnottwil

1505 wurde in Schnottwil eine von Solothurn erbetene und von Bern bewilligte Kapelle erbaut. In einer Urkunde, die sich im Archiv des Burgerspitals befindet, wird festgehalten, dass die Filialkirche Schnottwil der Mutterkirche in Oberwil einverleibt würde, und dass das Spital Bern auch über diese Filialkirche seine Kollaturrechte ausüben dürfe. Einige Jahre vorher beklagte sich zwar Bern darüber, dass Schnottwil ein eigenes Gotteshaus plane. Das tue der Mutterkirche Oberwil nur Abbruch. 
Immerhin scheint sich dann Bern doch mit dem Bau abgefunden zu haben. Die Kapelle war der Jungfrau Maria und der heiligen Agathe geweiht.

Vom alten zum neuen Glauben

Mit dem Reformationsmandat von 1528 wurde in der Mutterkirche Oberwil der katholische Gottesdienst untersagt. Der amtierende Priester Michael Pfäffli unterzog sich ohne weiteres dem obrigkeitlichen Befehl aus Bern. Aber nun traf auch Solothurn Massnahmen. Seinen Untertanen im oberen Bucheggberg wurde der Besuch des nunmehr protestantischen Gottesdienstes zu Oberwil verboten und für die Karwoche ein Messpriester nach Schnottwil abgeordnet, um in der dortigen Kapelle zu amtieren, was übrigens dem Wunsche der Bevölkerungsmehrheit der Solothurner Gemeinde entsprach. Ein Jahr später entschieden sich dann allerdings die Schnottwiler eindeutig für den neuen Glauben.

Der lange Dörferkrieg

Die Filialkirche in Schnottwil schien später längere Zeit unbenützt gewesen zu sein. Als dann aber einmal der Oberwilpfarrer von der Kanzel herab die Schnottwiler «gar übel traktien», so dass die solothurnischen Kirchgänger das Gotteshaus demonstrativ verliessen, entschloss man sich, die Kapelle wieder zu renovieren, um nicht mehr in den Kanton Bern zur Kirche gehen zu müssen.

Alle vierzehn Tage war nun wieder Gottesdienst in Schnottwil.

Im Jahre 1763 richtete das Ehepaar Adam Schlupp und Maria Sutter das Gesuch an den hohen Rat zu Bern, man möchte doch die Bewilligung erteilen, dass jeden Sonntag in Schnottwil Predigt gehalten werden könnte, abwechslungsweise durch die Pfarrherren von Oberwil und Diessbach. Das kinderlose Ehepaar erklärte sich bereit, für diesen Zweck 2000 Pfund zu stiften, dessen Zinse der Pfarrer von Diessbach beanspruchen dürfe. Das Gesuch ging zur Vernehmlassung an die Geistlichen des Bürenamtes, wo es mehrheitlich positiv gewertet wurde. Allein der Oberwilpfarrer fand, es sei in Schnottwil nicht eben das Bedürfnis nach vermehrtem Gottesdienst Die Schnottwiler hätten bisher den Wochengottesdienst eher selten besucht, obwohl sie einen kürzeren und erst noch besser ausgebauten Kirchweg besässen als die meisten andern Dörfer der Kirchgemeinde. Die Kapelle Schnottwil verwahrloste in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts mehr und mehr. Sie wäre es aber trotzdem mehr als wert gewesen, restauriert zu werden. Allein das Verständnis zur Wahrung und Erhaltung unwiederbringlicher Kulturgüter war damals leider auf Gemeinde- und Kantonsebene zu gering, als dass man auch nur minimale finanzielle Mittel zu gewissen Restaurationszwecken investieren wollte. Die Kapelle zerfiel. Die Grundmauern wurden 1845 abgebrochen. Zwei Jahrzehnte später rief man in Schnottwil erneut nach einer eigenen Kirche. Pläne und Kostenvoranschlag für ein eigenes Gotteshaus mit 350 Sitzplätzen wurden wohl ausgearbeitet, aber ausgeführt konnte das Bauvorhaben nicht werden. Und dies ist sicher recht so.

Die Kirche heute

Heute herrscht unter den sechs der Kirchgemeinde Oberwil angeschlossenen Gemeinden 
ein gutes Einvernehmen. Behörden und Bevölkerung sind bestrebt - und sie stellten dies eindrücklich unter Beweis - das Verständnis für die Erhaltung von schützenswerten Bauobjekten wie zum Beispiel die ganze Kirchenanlage Oberwil, aufzubringen. In den letzten Jahrzehnten erfuhr die Kirche Oberwil eine totale Aussenrestauration, anschliessend gingen die verantwortlichen Instanzen an die Restauration und Renovation des altehrwürdigen Pfarrhauses, und anlässlich der Kirchgemeindeversammlung vom 29. Januar 1979 konnte mit der Bewilligung eines Kredites in der Höhe von 320 000 Franken grünes Licht gegeben werden zur Neugestaltung der Innenräume der Kirche. Eine neue, zweckmässige Heizung, neue Bestuhlung, Garderobe und Schwerhörigenanlage sind weitere Postulate, die nunmehr realisiert werden konnten. Während eines Jahres, das heisst bis Frühling 1980, konnte die Kirche Oberwil nicht mehr für Gottesdienst, Taufen und Trauungen benützt werden. Die Gottesdienste werden abwechslungsweise in zweckmässige Räume der sechs der Kirchgemeinde angeschlossenen Gemeinden verlegt. Am letzten Septembersonntag 1980 fand die feierliche «Einweihung» der restaurierten Kirche statt. Mit dieser letzten Etappe einer ganzen Serie von Restaurierungsarbeiten zeigt sich die Kirche Oberwil mit ihrer eindrücklichen und harmonischen Anlage wieder ganz im Sonntagsstaat.

Die Oberwilkirche birgt eine lange und wechselvolle Geschichte in sich. Pfarrer E. Kocher selig hat sie vor Jahrzehnten gründlich erforscht und uns wertvolle Hinweise hinterlassen, die neben anderen Quellen Unterlagen und Material zu diesem Bericht gegeben haben.