«Wyssblüemli und Totechöpfli»

Wenn im Frühling die Stinkende Nießwurz (Helleborus foetidus) ihre unscheinbaren, grünen Blüten öffnet, verwandeln gleichzeitig ganze Polster der leuchtendgelben «Wyßblüemli» (Primula vulgaris) und die blauen Leberblümchen (Hepatica triloba) den Wald in einen farbenprächtigen Park. Nach diesem ersten Höhepunkt muß man sich noch einige Wochen gedulden, bis sich dann im Mai die Felsenheide in ihrem schönsten Kleide zeigt. Aus dunklen Büschen leuchten nun die Blüten des Blutroten Storchenschnabels (Geranium sanguineum). In den Felsen findet man auf schmalen Bändern zwischen den Büscheln des Blaugrases (Sesleria coerulea) die weißen Sterne der Großen Graslilie (Anthericum liliago]; im Frühsommer wird dann auch noch die Ästige Graslilie (Anthericum ramosum) folgen, die hier sehr häufig vorkommt. Nachdem die Kinder die ersten «Mejerysli» (Convallaria majalis) gefunden haben, entfalten sich bald die rosa Blüten des Immenblattes (Melittis melissophyllum ). Häufig findet man bei uns die andernorts seltene Strauchige Kronwicke (Coronilla emerus ). Im Sommer schmücken die purpurroten Blüten des Kugeligen Lauchs (Allium rotundumdie Felsbänder. Eine besondere Zierde jedoch ist die Türkenbundlilie (Lilium martagon), die an unzugänglichen Stellen zu Hunderten vorkommt.


Zu den größten Kostbarkeiten der Felsenheide gehören eine ganze Anzahl der seltensten und farbenprächtigsten einheimischen Orchideen. Wer einmal ein «Totechöpfli» _ so nennen die Pieterler die Ragwurzarten (Ophrys) _ gefunden hat, wird staunend diese merkwürdig schöne Blume bewundern. Von den vier Ragwurzarten, die man in der Schweiz kennt, kommen drei in unserer Felsenheide vor. Zuerst blüht die Fliegenblume (O. insectifera), dann erscheinen die farbenprächtigen Hummelblumen (O. fuciflora], und im Juni beschließt dann die Bienenragwurz ( O. apifera) den Reigen. Die Ragwurzarten haben die interessante Eigenschaft, sich schnell zu verändern und mit andern Arten zu kreuzen. So sieht man nur selten zwei gleichgeformte oder -gefärbte Blüten.

Etwas vorn Merkwürdigsten, was ein Blumenfreund aber entdecken kann, ist die stattliche Bocksriemenzunge ( Himantoglossum hircinum) mit ihren bizarren Blüten. Man merkt dieser etwas aufdringlich duftenden Pflanze an, daß sie aus dem Mittelmeergebiet stammt. Wenn dann die beiden Weißen Waldvögelein (Cephalanthera damasonium und longifolia) und das Rote Waldvögelein (C. rubra) verblüht sind, zündet die Pyramiclenorchis (Anacamptis pyrarnidalis) ihre leuchtendroten Laternchen an. Natürlich trifft man hier auch eine ganze Anzahl von Knabenkräutern ( Orchis-Arten); erwähnt seien ebenfalls noch die zierliche Moosorchis (Goodyera repens) und die hohen, duftenden Kerzen der Mücken-Handwurz ( Gymnadenia conopea ) .

Im Hochsommer ist das große Blühen in der Heide vorbei. Besonders in trockenen Jahren hängt dann eine bleierne Hitze in den Felsen, und die Rasenpolster werden braungelb und dürr. Einzig die Hauswurz (Sempervivum tectorum) läßt sich davon nicht beeindrucken und zeigt auf den langen Blütenständen ihre kleinen roten Sternchen. Im September schmückt sich dann die Felsenheide noch einmal. Wenn die Astern (Aster amellus) blühen, liegt es wie ein blauer Schleier über den Grasflächen.