Lüscherz

Französisch Locraz oder Locra, Luschiers 1271, Lusscrat 1277 ?, Luscrat 1288 ?, Listhartz

Dorf und Gemeinde von 395 Einwohnern in 62 Häusern am rechten Ufer des Bielersees, in der Kirchgemeinde Vinelz, Amtsbezirk Erlach, in schöner Lage und fruchtbarer Gegend. Von Bern über Walperswyl 6 ½ , von Erlach 1 ¼ Stunden entfernt. Die Einwohner beschäftigen sich vornehmlich mit Fischfang und Schiffahrt.

Lüscherz ist eine der bedeutendsten Pfahlbaustationen aus der Steinzeit. Der Merkwürdigkeit halber mag angeführt werden, von welchen Thieren bei den hier vorgenommenen Ausgrabungen 1873 Knochen gefunden worden sind: Dachs, Wolf, Fuchs, Wildkatze, Jgel, Biber, Hase, Wildschwein, Elk, Edelhirsch, Schwan, Ente, Hund, Schwein, Schaf, Zeige, Rind, Hecht (Kataloge des antiquarischen Museums in Bern, - F.v. Fellenberg, Untersuchungen der Pfahlbausituationen des Bielersees, im Anzeiger für schweiz. Alterthumskunde 1871, 282, V.Gross ebenda 1872, 334-336, 1880, 1. – Th. Stuber, Ueber die Thierreste der Pfahlbaustationen, Lüscherz und Mörigen, ebenda 1874, 507 ff V.Gross Locras Nouvelle Station. Fin de l’Epoque de la pierre, in den Actes de la société Jurasienne d’Emulation XXX 106 -108)

Die Söhne Berchtolds von Biel schenkten 1271 dem Kloster Frauenkappelen, in das ihre Schwester getreten ist, Reben bei Rugerol und bei Lüscherz, neben dem Wege, der zum See führt (FRB iii.4) Vermuthlich ist an Lüscherz zu denken, wenn wir lesen, dass 1277 Werner Chero, Ritter , zwei Schupposen zu Jns und eine zu Lusserat, letztere Lehen von Neuenburg- Nidau, der Abtei St.Johannsen verkauft hat (FRB III.213)

Auch Frienisberg bezog von Gütern in Lüscherz Zinse. (Frieden, das Kloster Frienisberg 66)

Die Mühle von Lüscherz gehörte zum Mannlehen von Erlach. Der General Niklaus von Diesbach, der es 1704 kaufte, verlieh dem Ulrich Fischer von Lüscherz die Mühle mit Haus, Hof, Scheuer, Hofstatt, Weiher, Gärten, Reben. Etwas später besass sie Rudi Bärtschi, des Hans Dubler Schweigersohn.

Eine Ansicht von Lüscherz mit dem Bielersee malte Aberli.

Ein grosser Theil des Dorfes ist in der Nacht vom 29. Auf den 30.Oktober 1873 abgebrannt.

Flurnamen:
Romanische Flurnamen finden sich keine, dagegen sollen unter den heute blühenden Bürgergeschlechtern die ursprünglich welschen Willonet die ältesten sein. In den zugehörigen Weiler Gurzelen ( corticellum?) sind 3 Familien.
Urkundliche Belege: vinea apud Luschiers 1271, FRB III.4; villa de Lusserat 1277, ibid III,213 Luscrat 1288, ibid III,454, Heinrich Freinscher von Lüschratz 1357 Gemeindearchiv Erlach.
Gurtzellon villa 1305, Jahn , Kanton Bern, antiquarisch-topographische Beschreibung S. 493

Etymologisch

Das späte Einsetzen der urk. Belegreihe im 13.Jh. verhindert ein gesichertes Erhellen der Herkunft und Bedeutung dieses Namens. Wir führen hier drei Deutungsversuche vor:

1.Stadelmann (Berner Ortsnamen, 239 ff) vermutet eine Herleitung vom gr. PN Lysicrates, in einer vlat. Lautung *Lüsicrates > *Lüscrats > (mit r- Metathese)Lüscherz. Lüscherz ginge damit zurück auf eine – in der W-Schweiz nicht selten vorkommende – suffixlose Bildung mit einem PN und wäre so ein Hinweis auf den einstigen römischen Villenbesitzer.

2.Zinsli (Erlach, 72) erwägt denselben PN Lysicrates, bezeichnet ihn allerdings – zu Recht – als «lat.-gr-«. Daneben denkt Zinsli aber auch an eine Ableitung von einem römischen PN Luscius mit dem lat. Suffix – äriciu oder evtl. -äriu (>*Luscariciu oder * Luscariu), das dann noch mit dem Dim.-Suffix -atum erweitert worden wäre,- Glatthard (Aare/Saane, 147) verzichtet – weohl nicht zuletzt aus dem eingangs erwähnten Grund – auf eine Deutung und hält einzig fest, die dt. Lautform scheine die ältere rom. Form bewahrt zu haben (vgl. LSG,553)

3. Da seit dem 6 Jh. In N-Frankreich in der roman. Bevölkerung germ. PNN ausgesprochen häufig sind (vgl. LSG, 892: Tüscherz), schlägt Wulf Müller (brieflich am 15.6.2006) als Ausgangspunkt einen zweigliedrigen (romanisierten) ahd. PN *Ladal-hari. Lal-hari o.ä. vor, das 1. Glied evtl. zum mit -/- Suffix erweiterten Stamm germ. *lath- <einladen,berufen,zum Kampf herausfordern>, ahd ladon <einladen,vorladen> (Förstemann I, 1013f. und 987ff.;Kaufmann , Ergänzungsband, 227;Kluge/Seebold, 553) und das (überaus häufige) Zweitglied zu germ. *härja- ,ahd heri m./n. <Kriegshaufe, Heer (förstemann I, 760 ff:Kaufmann Eergänzungsband 174 ff.; Kluge/Seebold, 399)

Ausgangspunkt für den Nachvollzug der Lautentwicklung bildet die heutige frz. Form Locras:Der Stammvokal -o- liesse sich erklären aus frühmittelalterlich -al- A -au-, monophthongiert in der frz. Hochsprache zu (o), Patois(ü) (vgl. Chaumont/Chumont; Daucher/Tüscherz); dem Patois-Laut entspräche demnach der Tonvokal -ü- in Lüscherz, eine Lautübernahme, die für jene Bielerseegegend einen zu erwartenden hochmittelalterlichen Germanisierungsprozess bedingen würde. In den romanisierten Formen wird -hari offenbar (mittels Lautersatz) häufig zu -kar- (LSG, 892: Tüsdcherz); mit k vor a wäre die Voraussetzung für dt. sch in Lüscherz geschaffen. (die frz. Form Locras setzt dann auf der Stufe -kar- noch eine Herleitung die affrizierte Namenendung (Anschluss an die seeländischen -erz- Benennungen ? ; vgl. Zinsi, Suffixlandschaft, 581 ff.)

Zimmerli 1895

Frz. Locras, gehört zur Pfarrei Vinelz. Die Gemeinde besteht aus 78 Haushaltungen mit 395 Personen und ist vollständig deutsch. Romanische Flurnamen finden sich keine, dagegen sollen unter den heute blühenden Bürgergeschlechtern die ursprünglich welsschen Willonet die ältesten sein. In dem zugehörigen Weiler Gurzelen ( corticellum ?) sind 3 Familien.

Urkundliche Belege: vinea apud Luschiers 1271, FRB III,4; villa de Lusserat 1277, ibid III, 213; Luscrat 1288, ibid III, 454; Heinrich Freinscher von Lüschratz 1357, Gemeindearchiv Erlach. Gurtzellon villa 1305, Jahn ,Kanton Bern , antiquarisch-topo. Beschreibung s.493