Der römische Wasserstollen bei Hageneck am Bielersee.

(Von Edmund von Fellenberg.)

A. Situation und technische Beschreibung.

Wie bekannt, stiess man bei den Arbeiten des Tunnels der Hagenecker Torfgesellschaft, welcher durch den Hügelzug, der das Hageneckmoos vom Bielersee trennt, getrieben wurde und den Zweck hatte, den ausgebeuteten Torf auf Rollwagen direkt an den Bielersee zu schaffen und dort zu verladen, seinerzeit ungefähr im letzten Drittel desselben gegen das Moos hin plötzlich auf eine Höhlung im Molassefelsen, aus welcher eine Menge Schutt und Schlamm sich in den Torfstollen ergoss. Beim Wegräumen dieses Schuttes fand man eichene Balken und Laden, welche durch ihre schwarze Farbe, obgleich noch fest und wohlbehalten, ein hohes Alter beurkundeten. Diese Höhlung im Felsen traf gerade mit ihrer Sohle den First des neuen Torftunnels und da man in derselben nach keiner Richtung hin weitere Hohlräume bemerken konnte, sondern nur auf Schlamm und Schuttmassen stiess, in welchen viel Holz lag, wurde die First des Torftunnels zugemauert und gegen

das Eindringen von Wasser aus der Höhlung von oben her mit einem starken Eisenblech gesichert. Man dachte damals an einen unterirdischen Gang, der zur alten Burg Hageneck möchte geführt haben, was jedoch aller Begründung entbehrte, da die sog. Burg Hageneck bei Quote 230 des Planes lediglich eine Erdburg oder Verschanzung, mit tiefem Wall umgeben, war und keine Spur von mittelalterlichem Gemäuer daselbst sichtbar ist. Eher möchte sie wenn nicht eine keltische Erdburg, vielleicht eine römische Warte (specula) gewesen sein, jedoch ist mir von römischen Fundsachen ebendaher nichts bekannt. So blieb denn diese Höhlung mitten im Berge mit ihren Schlammmassen und Holzresten Jahre lang ein Räthsel und wäre vollständig der Vergessenheit anheimgefallen, wenn nicht im Frühjahr vorigen Jahres beim Beginn des grossartigen Werkes des Hageneck Einschnittes durch  welchen die Aare in den Bielersee abgeleitet werden soll, die Arbeiten nach Wegräumung einer mit Vegetation bedeckten steilen Schutthalde auf der Seeseite ebenfalls auf eine mit Schlamm gefüllte Höhlung gestossen waren. Nach Wegräumung des Schlammes und bei dem Weitervorrücken im festeren Felsen zeigte sich ein wohlgearbeiteter regelmässiger Stollen aus uralter Zeit, dessen Richtung in einem spitzen Winkel gegen den Torftunnel liegt, jedoch, weil höher liegend, denselben in der First treffen musste. Nun war kein Zweifel mehr darüber, dass die früher entdeckte Höhlung über dem Torftunnel mit diesem Stollen in Zusammenhang stehen müsse,

was sich auch vollständig erwahrt hat (siehe Tafel  I.).


Sehen wir uns nun diesen uralten Stollen näher an. Das Gestein, welches den Hagenecker Hügelzug bildet, ist die Süsswassermolasse, welche auch das ganze südliche Ufer des Bielersees zusammensetzt und sich von Weitem durch die alternirenden Bänder von rothen Mergeln auszeichnet, welche in allen Felsabrissen zwischen Gerlafingen (früher so genannt – Gerolfingen), bei den sog. Oefeliplätzen und Lüscherz und zwischen letzterem Ort und Vingelz (Vinelz) sichtbar sind. Diese rothen Mergelschichten durchziehen die ganze untere Süsswassermolasse längs den Eisenbahneinschnitten der Biel-Bern-Bahn bei Kosthofen, Suberg, Münchenbuchsee und finden sich noch an der Felsenau und äusseren Enge bei Bern. Bei Hageneck fallen die Schichten der Molasse mit 7-10“ gegen Westen ein. Zwischen den 2-3' mächtigen Schichten Ziegel- oder violettrothen Mergels liegen mächtigere Bänke eines sehr festen quarzigen und thonigen Sandsteins, der sogenannten Galle, welcher nicht sowohl durch seine Härte als durch seine aussorordentliche Zähigkeit dem Sprengen mit Pulver grossen Widerstand leistet. Ist nun die feste, quarzig-thonige Molasse vermöge ihrer Elastizität schon schwer zu sprengen, so sind die Mergelschichten als zu weich noch ungünstiger, weil in diesem zähen und nachgiebigen Mittel die Sprengschüsse wenig Wirkung

haben und daher mit Spitzhacke gearbeitet werden muss.

Wo nun der alte Stollen in der Galle (im festen Felsen) getrieben ist, zeigt er sich in seinen Dimensionen vollständig wohl erhalten. Er hat eine verlängert eiförmige Gestalt, nach unten sich etwas verengend, und misst in der Höhe 5-6', so dass man gerade aufrecht gehen kann, in dem obern Theil bis 3'  lichter Weite, am Boden selten über 2'/2 Fuss. Die Wände des Stollens im festen Felsen

zeigen die sehr charakteristischen runden Ausbauchungen des Feuersetzens.


Es ist bekannt, dass bis zur Benutzung des Schiesspulvers die bergmännischen Arbeiten des Stollenaushiebs durch dieses einfachste und in einigen Gegenden,wo Holz noch in Ueberfluss vorhanden ist, noch jetzt gebräuchliche Verfahren betrieben wurden. Dieses Verfahren bestand darin, dass vor Ort, d. h. am Ende des Stollens  oder da, wo man das feste Gestein angreifen will, ein starkes Feuer angemacht wurde, dessen Hitze durch auswärtigen Abschluss auf die Fläche, die man zu lockern beabsichtigte, konzentrirt wurde. Nachdem die Felsenfläche gehörig ,erhitzt worden, wenn möglich rothglühend gemacht, wurde das Feuer zurückgeräumt, das erhitzte Gestein mit Wasser bespritzt, worauf sich Risse und Klüfte bildeten, welche den festesten Felsen soweit lockern, dass mit Pickel oder Spitzhammer die durch zahlreiche Klüfte gelockerten Brocken oder Schollen losgerissen werden können. Charakteristisch für das Feuersetzen sind die ausgebauchten und gerundeten Formen, welche die Oberfläche des durch Feuersetzen bearbeiteten Gesteines zeigen. Nachgeholfen wurde dann mit dem Spitzhammer, welcher die noch bestehenden Unebenheiten beseitigte. Die ältesten Stollen und Gehungsstrecken des erzgebirgischen und Harzer und spanischen Bergbaues, sowie alle älteren Bergwerke Europa's sind durch Feuersetzen erstellt worden und in Siebenbürgen staunen wir über die gewaltigen Räume, welche die Römer beim Goldbergbau in Verespatak (Auraria minor) in der Csitalye (der Burg oder dem eigentlichen Goldberg)*) mittelst dieses Verfahrens ausgehöhlt haben.  Ja bis vor wenigen Jahren (ob noch jetzt ist mir nicht bekannt)

wurde das Feuersetzen noch im Harz (Rammelsberg), wo das Holz sehr billig, angewendet.


Einen direkten Beweis, dass dieser Stollen durch Feuersetzen wenigstens in den festeren Gesteinsschichten ausgerichtet wurde, liefert uns die stellenweise deutlich sichtbare Schicht erdigen Russes, welcher die Ausbauchungen des Gesteins bekleidet und noch jetzt schwarz abfärbt.

Durch die weicheren Parthien d. h. die Mergelschichten war der Stollen nach Art aller jetzigen Bauten in gebrächem Gestein mit einer vollständigen doppelten Thürstockzimmerung gegen Nachstürzen und Zusammengehen der Wandungen und Firsten versehen. Die Thürstöcke sind alle von Eichenholz und theils geviert zugehauen, theils bestehen sie aus Brettern von 3“ Dicke. ,Sie stehen theils

senkrecht, auf der Sohle des Stollens, theils um grössere Spannkraft zu besitzen, schief auf  derselben (siehe Taf. II.,Fig. 1 u. 2). Entgegen den Thürstöcken jetziger Grubenzimmerung, welche auf lange Zeit dem Drucke des Gebirges Widerstand leisten soll, bestehen die Thürstöcke dieses Stollens aus Brettern, welche somit nach nicht sehr langer Zeit ihres Bestehens eingedrückt werden mussten und auch grossentheils im Stollen zu  Bruche gegangen sind. Nur hier und da sind zur Verstärkung dickere  Thürstöcke angebracht.

Die Kappen der Thürstöcke,  welche die Decke vor dem Niedergehen halten sollten,  sind eckig gehauene eichene Bretter von 4`Länge, 3-4 “ Dicke und von zwei viereckigen Löchern durchbohrt, worin die Thürpflöcke verzapft waren (siehe Taf. II., Fig. 3). Je nach der Haltbarkeit des Gesteines stehen diese Thürstöcke oder vielmehr Thürstockbretter näher oder weiter auseinander, meistens jedoch so dicht  dass bloss, 2-3",Zwischenraum zwischen den Wandbrettern ist. Die Breite der Bretter ist 5-8“, die Löcher, worin die Wandbretter in die Kappe verzapft sind, haben bei quadratischem Querschnitt meist 3" Durchmesser. Es sind nun die Thürstöcke an der Sohle des Stollens meist in den Felsen so eingelassen, dass ihre untere  etwas abgerundete Seite in eine ausgehauene Rinne der Sohle passt. Ob Querhölzer in der Sohle des Stollens vorgekommen sind, ist mir nicht bekannt geworden.

Als nun die Arbeiten am Hageneckeinschnitt von oben angefangen wurden, der dort stehende Wald ausgereutet, die Humuserde entfernt war, stiess man, sobald man den festen Felsen erreicht hatte, auf kreisrunde in den Berg niedergehende Schächte, welche zuerst für verfallene Sodbrunnen gehalten wurden. Sie waren. meist mit Schlamm gefüllt und als man sie ausgeräumt und soweit sie nieder gingen, entleert hatte, stiess man wieder auf den alten Stollen, der nach beiden Seiten verfolgt werden konnte. Diese Schächte, deren man jetzt sechs kennt, stehen in ziemlich gleichen Abständen von einander und zwar 130-150' voneinander entfernt.

Sie sind im festen Gestein schön kreisrund gehauen und zeigen ringsum die Bearbeitung durch Spitzhammer. Ob sie im gebrächen Gestein verzimmert waren, ist ungewiss, da sie im Mergel vollständig zu Bruche gegangen sind und den Stollen mit ihrem Schutt erfüllt haben. Der Durchmesser dieser alten Schächte ist meist 4', jedoch sind sie im Mergel bedeutend erweitert, da viel Material von den Wendungen nachgestürzt ist.

Der Unternehmer des Hageneckeinschnittes hat sich nun in sehr praktischer Weise den alten Stollen zu Nutze gezogen, indem er ihn von vorne (Nordseite) nach unten zu erweiterte und dessen Sohle tiefer legte (Tab. I. Fig. lc). Der alte Stollen wurde geräumt, wobei in der Nähe der Schächte eine Menge Schlamm und Schutt nachrollte, so dass bedeutende Weitungen entstanden, die jedoch dem Unternehmer sehr zu Gute kamen. Die alten Schächte werden benutzt, um das Material, das oben gewonnen wird, in die in alten Stollen stehenden Rollwagen hinunter zuschütten, von wo es hinausgeführt wird, um seitlich der Kanalmündung, am See abgelagert zu werden.

Es ergiebt sich nun aus der Richtung der Schächte zu einander, dass der alte Stollen in seinem Drittheil gegen das Moos hinaus eine Biegung nach Westen macht, dass somit sein Ausgang nach dem Moose hinaus wahrscheinlich ausserhalb des Kanaleinschnittes fallen wird und wenn nicht zufällig aufgefunden, vielleicht noch lange unbekannt bleiben dürfte.

Aus welcher Zeit stammt nun dieser räthselhafte alte Stollen, von dem keine Spur mehr sichtbar war, wo an der Oberfläche die Schächte so gründlich verschüttet waren, dass hoher Buchenwald auf denselben wuchs und dessen Mundöffnungen so unter Schutt und Vegetation begraben lagen, dass die Hagenecker Torfgesellschaft wenige Meter entfernt mit grossen Kosten einen neuen Tunnel

durch den Hügelzug graben liess, während sie den alten Stollen bloss hätte äusräumen, etwas erweitern und fahrbar machen können, um Hunderttausende zu ersparen?

Es ist in der öffentlichen Presse diese Frage schon behandelt worden. Einige wollen ein frühmittelalterliches Werk darin erblicken, weil die Zimmerung des Stollens frühmittelalterlichen Bauten dieser Art entspricht, andere wollen den Bau Niederländern zuschreiben, die in unsere Gegenden gekommen wären, um Entsumpfungen vorzunehmen, - eine wunderbare Hypothese, die jeder historischen Grundlage entbehrt! Ferner spuckt immer noch die Sage von der alten Burg Hageneck, deren Raubgesellen sich durch diesen unterirdischen Gang in Kriegszeiten nach dem Moose hin flüchten mussten, wenn sie von der Seeseite her bedrängt waren.


Ich habe oben angeführt, was es mit der Burg Hageneck für eine Bewandtniss hat. Es bleibt somit nur ein altes Kulturvolk übrig, dem man ein so grossartiges Werk zuschreiben konnte, und das waren die Römer, die sich anderer ebenso grossartiger Werke rühmen konnten, und allerdings kaum hatte sich der Name Römertunnel in der Presse und im Publikum eingebürgert, ehe noch für die Richtigkeit dieser Ansicht Beweise vorlagen, fanden sich Gegenstände (Taf. II., Fig. 4-7) in den

Schächten des Stollens vor, die nunmehr gegen die Aechtheit römischer Arbeit auch nicht den mindesten Zweifel übrig lassen.  

Das erste Artefact, welches im alten Römerstollen gefunden wurde, war ein bronzener Kessel (tafel II Figur 6  Dieser Kessel lag zu unterst im Schacht, welcher bei dem Punkt Nr. 260 des Profils den Stollen trifft. An dieser Stelle waren Schacht und Stollen mit Schutt und Schlamm erfüllt und der Kessel lag ca. 15' tief umgestürzt im Schachte. Auf den ersten Anblick war nicht gerade dieses Artefact charakteristisch genug, um mit apodictischer Gewissheit das Alter des Stollens zu bestimmen, es hat jedoch die Untersuchung herausgestellt, das es den andern Hauptfund, den thönernen Krug, vollkommen bestätigt.

Dieser Kessel ist von getriebenem 9/4 mm. dickem Bronzeblech von schön bronzegelber Farbe. Er hat eine elegant ausgebauchte Form, welche allmälíg in einen flachen Boden ausläuft. Der obere Rand ist von Eisen und hat einen viereckigen Querschnitt; in dessen unterer Seite ist das Blech des Kessels eingetrieben. Die Handhabe des Kessels ist ebenfalls von Eisen und bogenförmig gekrümmt und hängt mit geschlossenen Laschen in zwei auf dem Rande des Kessels aufgenieteten eisernen Bogen. Diese Bogen sind durch Eisenblechlappen an dem Rande des Kessels festgenietet. Die Dimensionen des Kessels sind folgende: Durchmesser, am obern Rand unter der Handhabe (Tragbogen) gemessen, im Ganzen 32,5 cm., im Lichten 30,7 cm.; Höhe des Kessels 18,5 cm.; Dicke des eisernen Randes 18 mm.; Höhe desselben 11 mm.; Dicke der aufgenieteten eisernen Bogen (Schlingen) 6 mm; Dicke der eisernen Handhabe 1 cm., der Schlaufen 9 mm.

Der Kessel ist an verschiedenen Orten- durch Bronzeblechstücke, welche auf die Kesselwände aufgenietet sind, geflickt. Sehen wir uns diese Nieten näher an, so finden wir, dass selbige theils aus reinem Kupfer, theils aus einer sehr hellen harten Bronze, wahrscheinlich Messing, bestehen. Die Nieten sind flachgeschlagen und bestehen nicht aus Nägeln, wie bei ältern (keltischen) Gefässen, sondern aus Blechlappen, welche auf beiden Seiten des aufgenieteten Blechstückes umgeschlagen und plattgeklopft sind. An einer Stelle des Kessels sind bis 3 Blechstücke aufeinander in dieser Weise durch Nieten befestigt.

Sehen wir uns nun das Metall des Kessels an, so kommen wir sogleich zum Schlusse, dass wir es hier nicht mit einem modernen, zufällig dahin gerathenen Artefact, sondern mit einem ächten römischen Feldkessel zu thun haben.

Mein Vater hat das Blech des Kessels analysirt und genau die Zusammensetzung der schönsten antiken Gefässe gefunden, nämlich ausser Kupfer 10-12 % Zinn,etwas Eisen, kein Blei und besonders kein Zink (welches, mit Kupfer zu Messing legirt, modern wäre). Höchst interessant sind die Nieten aus reinem Kupfer und Hartbronze, einer Art antikem Messing, wo Zink einen Theil des Zinns vertritt. Da man nun seit dem Alterthum keine Bronzegefässe und besonders keine getriebenen Bronzeblechgefässe, sondern eiserne und kupferne und in neuerer Zeit gegossene eherne verfertigt hat, so ist klar, dass da von einem modernen Artefact (Käsekessel, die alle von reinem Kupfer sind) nicht die Rede sein kann. Ueberdiess stimmt dieser Kessel in seinem Material und äusserer Gestalt vollständig überein mit ähnlichen Kesseln, .welche bei Brügg aus der Zihl gebaggert wurden und mit andern römischen Artefacten (einer Inschrift) von dem dort vielfach frequentirten Flussübergang von Petenisca nach dem Battenberg und Pieterlen Zeugniss ablegt.

Das entschiedenste Artefact jedoch für die Bestimmung des Alters des Stollens ist ein wohlerhaltener Krug von rother römisclıer terra cotta oder terra sigillata, obgleich er nicht gestempelt ist (Taf. ll. Fig. 7). Auf den ersten Blick sehen wir den feinen rothen römischen Thon, welcher auswendig geglättet,. aber nicht glasirt ist, von der warmen hellkirsclırothen Farbe der römischen Töpferei. Der Krug fand sich in 30' Tiefe zu unterst im gleichen Schachte bei Profil 260 des alten Stollens. Er ist vollständig erhalten mit Ausnahme des Randes des Halsstückes, welcher abgebrochen ist.

Die Dimensionen sind folgende: Höhe 25 cm., Durchmesser, wo er am breitesten ist 17 cm , Durchmesser des Halses am Henkel 3.2 cm. Der Henkel ist dicht unter dem Halse des Kruges angebracht und hat die charakteristisch viereckige; steile Form römischer Vasenhenkel. Er ist inwendig leicht gekerbt, sonst flach, 2 cm breit und 7 mm dick. Dicke des Kruges am Halse 4 mm Die Oberfläche des Kruges ist glatt und glänzend; unter dem Henkel zeigt er eine leichte 2 mm breite und 1 mm tiefe Depression. Gegen den Boden hin sind einzelne feine um und um gehende Striche gravirt, endlich ist der Boden unten flach und zeigt die concentrischen Striche der Töpferscheibenarbeit.

Weniger wichtig sind noch zwei eiserne Artefacten, wovon das erstere, eine Pflasterkelle (Fig. 5), sich im selben Schachte fand, das andere, eine Spickahle (Fig. 4) aus dem Schachte bei 254 gehoben wurde.

Die Pflasterkelle ist von Eisen. Das Blatt ist 21 cm. lang, 2 mm. dick, am Henkel 11,5 mm., an der breitesten Stelle 13 cm. breit; die Handhabe ist mit 3 grossen Nieten auf dem Blatt befestigt sie selbst ist 1 cm dick, bis zum rechten Winkel 9,5 cm  hoch. Das sich zuspitzende, in die hölzerne Handhabe passende horizontale Stück ist 11 cm. lang. Dieses Instrument übertrifft unsere gewöhnlichen Pflasterkellen an Grösse. Die Ahle oder Spickahle ist ebenfalls von Eisen, ist cylindrisch und am spitzen Ende von einem Oehr durchbohrt. Gegen das obere Ende ist ein Querstab, der auf der einen Seite rechtwinklig von der Ahle absteht, gegen die Spitze hin allmälig dahin verläuft. Ein kleines Eisenblech am oberen Ende deutet darauf hin, dass der obere kurze Theil in Holz gefasst war. Zu was dieses Instrument gedient haben mag, ist nicht recht klar, am ehesten möchte es zum Spicken von Fleisch gedient haben.

Dimensionen. Ganze Länge der Ahle 34,2 cm., von der Spitze bis zum Oehr 3,4 cm, Länge des Oehres 1 cm., Breite desselben 2 mm., Dicke der Ahle 8 mm, vom Knopf bis zum Querstabe 4,6 cm., Länge des Querstabes 1,5 cm, Dicke des Griffes bis zum Querstab 7 mm.

Endlich fanden sich noch im Schacht bei Nr. 260 der Schädel eines Ochsen, der der Dicke und Grösse der Hornzapfen nach zu einer grossen Rindviehrasse gehört haben muss; das Gehirn ist herausgeschlagen, der Oberkiefer fehlt ebenfalls, so dass man das Schädelbruchstück als Ueberrest eines geschlachteten und zerlegten Thieres halten muss, und im selben Schachte fand sich der Schädel mit Oberkiefer eines mittelgrossen Pferdes. Es scheint somit, dass, nachdem der Stollen durchschlägig geworden war, derselbe ausgezimmert wurde und schon damals die Schächte

wieder verschüttet wurden, nachdem die römischen Bergingenieure sie nur als Angriffspunkte für den Stollenaushub benutzt hatten. Beim Zuwerfen der Schächte nun werden die soeben beschriebenen Gegenstände mit in den Schacht gerathen sein. Es ist zudem auch physikalisch unmöglich, dass der Stollen von unten seine 30 und mehr Fuss hohen Schächte mit Schlamm und Schutt ausgefüllt habe, da der nöthige Druck des Wassers dazu gefehlt hätte. Die Schächte können somit nur von oben ausgefüllt werden sein.

Eine andere Möglichkeit ist auch, dass, als das Wasser im Stollen floss, der Schacht bei 260 als Brunnen benutzt worden sei und beim Wasserschöpfen von oben der Kessel herunterfiel und dort verloren ging, ebenso der wohlerhaltene Krug, den gewiss Niemand in seinem jetzt noch brauchbaren Zustand hinuntergeworfen hätte. Später wäre, so muss man immerhin annehmen, der Schacht wieder zugeschüttet worden.

Es bleiben mir endlich über die Gefällsverhältnísse noch einige Worte zu sagen, Herr Ingenieur zu Morlot in Nidau, dem wir den mitgehenden schönen Plan, verdanken, schreibt mir darüber Folgendes: „lm Längenprofil sind sämmtliche Höhen über dem Nullpunkt des Aarepegels in Murgenthal angenommen, da diese Höhe als Ausgangspunkt für alle Höhenangaben im Gebiete der Jurawässerkorrektion dient

„Der höchste Wasserstand vor der Korrektion war 107,0".
(ein höherer Wasserstand aus dem 17. Jahrhundert scheint unsicher.)
Der niedrigste Wasserstand vor der Korrektion war . . . _ . 97,4'.
Das Hochwasser nach der Korrektion wird angenommen zu . . 99,0'.
Der Sommerwasserstand nach der Korrektion wird angenommen zu 95-96'.
Der niedrigste Wasserstand nach der Korrektion wird angenommen zu 90'.
(fiel jedoch letzten Herbst sogar auf 88', daher der See künstlich auf 91' erhalten werden muss wegen der Abrutschungen auf dem nördlichen Ufer)
Die Sohlenquote am Eingang des Tunnels der Berner Torfgesellschaft (Moosseite) ist _ . . . . . . . . . . . . . . . . 113,62
Die Sohlenquote am Ausgang des Tunnels der Berner Torfgesellschaft (Seeseite) ist . . . . . . _ . . _ . . . . . . 106,8“. 4
Die Sohlenquote des alten (römischen) Stollens bei Nr. 260 ist 121,4'.
Die Sohlenquote des allen (römischen) Stollens bei Nr. 272 (Ausgang nach dem See zu) . . . . . . . . . . . . . . 117,3. "
(alle diese Höhen, wie gesagt, in Fuss uber dem Nullpunkt des Pegels in Murgenthal).“

Wir sehen daraus, dass der Ausfluss des Stollens sehr hoch angelegt war, also 10' höher als der bekannte höchste Wasserstand des Bielersee's vor der Korrektion (107)'. Nimmt man auch an, es sei damals gegen den See am Fuss des Hagnecker Hügels auch ein Vorland gewesen, durch welches der Römerkanal ging, so kann doch der Höhenunterschied zwischen dem Austritt des Stollens aus dem Berge und dem Eintritt des Wassers in den See kein grosser gewesen sein, da die Entfernung zu gering ist. Er ist auch höher als der Torfgesellschaftstunnel (113,6'), welchen er in den First schneidet. Es muss also zur Zeit der Anlage dieses Stollens das Wasserniveau im Moose höher gelegen sein, sonst sähe man keinen Grund ein, den Stollen so hoch angelegt zu haben. Da man den Anfang des Stollens auf der Moosseite noch nicht kennt, so kann man noch nicht genau bestimmen, wie hoch das Wasser, welches der Römerstollen abzuleiten hatte, zur Römerzeit lag, aber man wird das Niveau auf 125,27' berechnen können. Dieses wichtige Moment nun der so hohen Anlage des Stollens führt uns zum Schlusse, dass zur Römerzeit- das Hagneckmoos und möglicherweise andere Theile des grossen Mooses vielleicht noch permanent, vielleicht nur periodisch von Wasser bedeckt waren und dass das energische und unternehmende Volk der Römer diese für die damalige Zeit riesige Arbeit unternommen, wohl nicht um Ländereien den helvetischen Barbaren zur Kultur zu gewinnen, sondern um seine Militärstrasse, die durch's Moos ührte und auf Millionen von Pfählen mit riesigen Kosten erbaut wurde, vor Ueberschwemmungen und Zerstörung zu sichern. Diess, glaube ich, ist das Motiv der Erstellung dieses grössten technischen Werkes der Römer in Helvetien, der Erstellung eines mit regelmässig angebrachten Schächten versehenen über 600' langen, eine ganze Hügelkette durchstechenden Wasserstollens, dessen durchaus rationelle Anlage wir noch jetzt bewundern müssen.

Bern, Juli 1875. Edmund v. Fellenberg.