St.Johannsen
Abbacia, Erlacensis, Sanctus Johannes Baptista Herilacensis 1185, Hostel Dieu de Cerlier 1395
Alte Klostergebäulichkeit, jetzt Strafanstalt in der Gemeinde Gals, Amtsbezirk Erlach, am obern Ende des Bielersees, am Zihlkanal, an der Strasse von Erlach nach Landeron gelegen, ¾ Stunden von Erlach und Bern über Walperswyl 8 Stunden 20 Minuten, über Jns 9 Stunden entfernt. Früher auf einer Jnsel der Zihl und einem ihrer Arme nahe dem See stehend, befindet sie sich seit der Juragewässercorrection 8 Minuten vom Seeufer entfernt.
Die Ortschaft hat verschiedene Schicksale erlebt. Zur Zeit des ersten Kreuzzuges gegründet, sah sie vierhundert Jahre lang die schwarzen Gestalten der Benedictinermönche die Gegend bebauen und bewohnen, bis ihre Zeit um war und auf gleich lange Zeit Meine Gnädigen Herren von Bern durch einen Landvogt die reichen Gefälle beziehen. Jn unserm Jahrhundert war das Kloster einige Jahre zu einer chemischen Fabrik umgewandelt und nun ist es zur Strafanstalt geworden !
Jm alten Cartular von Lausanne ist zu lesen: «Cono, Sohn des Ulrich von Feni, war der gewählter (Bischof) von Lausanne nach Lambert; wann und wie lange er aber gelebt hat, habe ich nicht gelesen; er begründete auf seinem väterlichen Gute die Abtei von Erlach und während des Kirchenbaus wurde er entrissen und Burkhard sein Bruder, der Bischof von Basel, der das Schloss Erlach baute, vollendete für seinen Bruder die Kirche» (FRB I.351-352)
Wann wurde die Abtei gegründet ? Lambert ein geborner Freiherr von Gradson, wurde 1090 Bischof von lausanne; er dankte bald darauf ab; 1103 wurde der Freiherr Gerhard von Faucigny Bischof. Jn dieZwischenzeit fällt die Regierung des Cono von Fenis und also auch die Gründung der Abtei.
Ulrich von Feni ist der Stammvater der Grafen von Fenis (Hasenburg), oder wie sie sich nach ihrem spätern Sitze nannten, Neuenburg. Grund und Boden der Abtei gehörten zum Gebiete der Grafen von Neuenburg. Diese waren auch ihre Kastvögte.
Die neue Stiftzung wurde dem Benedictinerorden übergeben – sie blieb seine einziger Filiale in der burgundischen Schweiz. Die ersten Mönche kamen aus dem Kloster St.Blasien im Schwarzwald. Geweiht war sie dem Heiligen Johannes dem Täufer.
Es fehlte ihr nicht an Vergabungen, so dass sie bereits nach einem Jahrhundert über viel Reichthum und Gut verfügte. 1185 bestätigte ihr Papst Lucius III. den Besitz – da gehörte dazu: ein Hof in Menznau, Recht auf die Kirche in Grenchen, ein Hof in Wyler, Güter in der Pfarre Seedorf, der Hof in Jns, viele Reben in Rugerol, die Kirche des Tessenbergs, Recht auf die Kirche in Wrol (?), ein Eigen bei Rüthi, der Hof zu Huttwyl (siehe heimatkunde Emmenthal S.111) Güter in Prägels, Müntschemier, Favre, die Kirche von Erlach, die Kirche und ein Allod zu Büren, Güter zu Arni, Furmunt(?) Boens, Mullen, Gals, Wadiswyl, Grissach, Nordschaben, Lindenach, Uetligen, Sarbachen, Twann: man sieht, der Besitz erstreckte sich auch auf Güter, die weit ausserhalb des Seelandes lagen (FRB I.477-480)
Später wurden die Rechte und Freiheiten der Abtei noch bestätigt von Cölestin III. 1197, Honorius III. 1221, Gregor IX. 1233, Martin V. 1418, Papst und Concil zu Basel 1435, vom Kaiser Sigismund 1434, von Bern 1441.
Es kamen noch Güter hinzu zu Allenwayl, Ober und Nieder Wyler, Lignieres, im Grossen Moos, zu Finsterhennen, Grenchen, Travers und Vauxtravers, die Fischenzen bei der Zihlbrücke, bei Landeon und zu Wavre, Lüscherz, Mörigen, Lamligen, Leuzigen, Arch, Siselen, Sutz, Ligerz, Marin, Brüttelen, Nods, Breitenried, Jns, Meienried, Rüti, Dotzigen, Erlach, im Val de Ruz, Lustenberg im Entlibuch, Ilfingen, Bettlach, Safneren, Treiten, Montricher, Biel, Rapperswyl,Mett, Waltersberg und Geis, die Landeren bei Neuenstadt, Menznau, Valendis, Schüppach, Häuser im Boiel und Büren, eine Besituzung in Soloithurn, das «Amt im Aargau» (St.Johannsen-Buch zum Jahre 1347). Jn der Stadt Bern besass das Kloster ein Haus an der Junkerngasse (Rodt, Stadtgeschichte 189 – Anshelm im Gesschichtsforscher X. 323)
Die grössten Wohltäter waren die Grafen von Neuenburg selbst. Die beinahe alle an das Kloster vergabten, seitdem Bischof Cuno es gestiftet und reich ausgestattet.
St.Johannsen besass 8 Kirchensätze. Jener von Grenchen im Kanton Solothurn, gehörte ihm durch Schenkung des Stifters; die Kirche von Tess mit der spätern Filiale Ligerz durch Schenkung des Bischofs von Basel Rudolf von Homburg (um 1110); Erlach scheint eine Schenkung Ulrichs II. oder III. von Neuenburg zu sein, Oberbüren eine Schenkung des Jmmo von Lyss, beide noch im 12. Jahrhundert. Der Kirchensatz von St. Mauritius in Rugerol kam 1231 durch Berthold von Neuenburg hinzu, jener von Walperswyl 1309 durch Rudolf III. von Neuenburg-Nidau und seinen Bruder den Dompropst Hartmann von Solothurn und jener der St. Benedictinerkirche von Biel 1377 durch kauf von der Stadt Biel (FRB I.478,508, II. 119, IV.368, Lohner 468) Die Kirche Wrol ist unbestimmbar:
Reiche Zehnten kamen der Abtei zu, namentlich aus Rugerol, Landeron, Lignieres, Tess, Gals, Müntschemier, Twann, Möschleren, Bettlach, Lengau.
Jm waadtländischen Bursins besass der Abt auch ein schönes Haus (Anshelm im Geschichtsforscher X. 329)
Die Kastvogtei gehörte laut Vertrag von 1303 (Matile I S.279) den beiden Linien Neuenburg-Neuenburg und Neuenburg-Nidau; die Besitzungen des letztern brachte Oesterreich 1379 an sich und damit die halbe Kastvogtei von Erlach (Solothurner Wochen Blatt 1813 S.406); als Bern durch den Krieg in den Besitz von Nidau gekommen war, beanspruchte es einen Theil der Kastvogtei. So schloss es denn mit Jsabella, Wittwe des Grafen von Neuenburg- Nidau, die selbst eine geborne Herrin von Neuenburg war,1395 ein Abkommen,nach welchem es, so lange der damalige Abt seine Würde versähe, die Kastvogtei besass; darnach sollte es mit der Herrschaft Neuenburg abwechseln, immerhin so, dass es zuerst an die Reihe kam (Matile II. S. 1125, Blösch 51, Schlafbuch von Erlach 1, Teutsch Spruchbuch A.151) So besass Bern zunächst die Kastvogtei 24 Jahre. 1413 erkannte die Abtei Bern als Schutzherrin an (St.Joh. Buch I.36)
1476 ertheilte ihr Bern eine Schweins- und Acherums-Ordnung (St.Joh-Buch II.93)
Als 1377 Jsabella von Neuenburg ihren Vertrag mit Savoyen schloss und das Gebiet von Erlach der savoyischen Hoheit unterstellt blieb, nahm die Gräfin die Abtei von St. Johannsen davon aus, so dass sie selbstständig blieb (Montmollin, Mémoires sur le Comté de Neuchâtel en Suisse II.217)
1517 trat Johanna von Neuenburg ihre Rechte auf die Abtei um eine Summe Geldes an Bern ab.
Noch bevor die Reformation in Bern angenommen war, im Jahr 1527, beschloss eine fürsichtige Stadt Bern, «Unschick und Schaden zefürkommen und that einen Griff ins Papst Fryheit und besetzt mit Vögten alle Jre Gottshüser (Anashelm).
Als sie aber das Kloster reformieren wollte, erhoben sich die andern Kantone, die mit ihr die Herrschaft Neuenburg besetzt hielten und beanspruchten die halbe Kastvogtei. Aber Bern liess sich nicht an seinem Werke hindern; es erklärte, im vollenBesitz der Vogtrechte zu sein. Dasselbe geschah gegenüber dem Sohne der Gräfin von Neuenburg. Man berieth sogar die Anlage einer Festung bei St.Johannsen (Anshelms Fortsetzung im Schweiz. Geschichtsforscher X. 284,375 M.Schmitt, Essai historique sur l’abbaye de St,Jean de Cerlier 369-371)
Nach der Roformation wurde das Kloster mit seinen vielen Besitzungen, wovon es zwar nur über Gals,Twing und Bann gehabt, zur Landvogtei umgeschaffen. Sein Gebiet umfasste etwa 8 ½ km2 (Blösch 70). Bis 1798 regierten dort 56 Vögte.
1798 ging das Amt ein. 1803 wurde es mit dem Oberamt Erlach vereinigt. Jm alten Gebäude blieb aber noch ein obrigkeitlicher Schaffner.
Jn den Jahren 1846 16.Februar, 29, Mai , 8. Juni und 1847 A Pril verkaufte die bernische Regierung an Louis Roy von Orvin die Klosterdomäne um 30'000 Franken (Erlach Buch III.439). Es wurde nun in St.Johannsen eine chemische Fabrik errichtet. Im März 1883 kaufte die bernische Regierung die Domäne von Fräulein Adèle Roy um 55'000 Franken. Die Grundsteuerschatzung belief sich auf 120'000 (Erlach-Buch V.296). Die Gebäulichkeiten dienen seitdem als Strafanstalt.
Das Aeussere des alten Klosters hat sich vielfach geändert.
Der Bruder des Stifters von St.Johannsen, Bischof Burkhard von Basel, vollendete den Bau der Klosterkirche. Es muss dies vor 1107 geschehen sein, da Burkhard am 12.April diese Jahres starb. Später, wann wissen wir nicht, wurde ein neuer Bau notwendig dessen Reste noch vorhanden sind. Jn der Reformation wurde die Kirche nicht nur ihres innern Schmucks beraubt, sondern abgedeckt (1534, siehe Anshelm, im Geschichtsforscher X. 375) ein Theil sogar abgetragen, der Chor zum Kornspeicher gemacht; rings herum aber blieben die Mauern stehen. Johann Rudolf von Sinner schildert den Ort in seinem Voyage dans la suisse occidentale I.131 so vortheilhaft, dass man sich überzeugt, trotz dem Zerfall des Klosters habe man es dort noch ausgehalten.
Die spätere Kirche, anscheinend aus dem Anfang des 14.Jahrhunderts, war dreischiffig mit Querschiff. Der Thurm war achteckig mit hohen gothischen Fenstern. Am 5.Dezember 1883, Abends halb 5 Uhr, fiel er ein; das Schiff wurde darauf beseitigt, so dass jetzt nur noch das Chor steht. Auch dieses ist durch einen eingelegten Boden verändert. Vom alten Kreuzgang, der einst mit Kreuzgewölben bedeckt war, sieht man nur noch wenige Pfeiler aus den renovirten Bauten hervorragen. Auf der Seite gegen Erlach steht das alte Thor mit dem Wappen eines Vogtes von Graffenried )ein Niklaus v. Gr. War Vogt 1605-1609, ein Anton 1709-1715, ein Franz Ludwig 1740 – 1747) und ein Thürmchen mit Mauer und Zinne. Jm Hofe steht ein Brunnen mit zwei Bernerwappen von 1632: in einem der Hausgänge ist das Wappen des Vogts David Morlot von 1680 angebracht. Am Ufer des Kanals liegt im Gebüsch ein sargähnlicher Stein mit ausgemeisseltem Kreuz.
Jm Zimmer des Verwalters hangen zwei Pläne, deren einer das Kloster restauriert darstellt, der andere, wie es vor dem neuesten Umbau aussah.
Es steht fest, dass die alte Kirche Glasgemälde enthielt. Ob sie der Zertörunswuth der Bilderstürmer in der Reformation zum Opfer fielen oder in der Revolution zerschlagen wurden, weiss man nicht (E.F.v.Mülinen,Ueber die Glasgemälde in der Schweiz, in den»Alpenrosen» vom 21.December 1872