Petinesca
Untergegangene (helvetische Burg und ( Römerstadt auf dem Jensberg, östlich von Nidau. Der Name wird irrig auch Petenisca, Penestika geschrieben. Erwähnt ist er in der Tabula Peutingeriana und im Itinerarium Antonini.
Die südwestliche Höhe des waldigen Jensberges krönt eine Befestigung, welche den Namen Knebelburg trägt. Eine Viertelstunde östlich durchzieht ein Wall mit Graben den ganzen Berg von Norden nach Süden. Auf dem Abhange gegen Studen, dem Studenberg, schliessen mehrere Wälle den Zugang „hohler Weg“ ein, während noch weiter unten bei der Triebei gegenüber Worben Reste einer ungemein starken Mauer zu Tage treten.
Diese Oertlichkeit, welcher sich durch ihre beherrschende Lage ausgezeichnet, ist schon von den Helvetiern als eine zu Vertheidigungszwecken überaus geeignete erkannt worden. Es haben sich keltische Münzen und Scherben gefunden, sowie geschnitzte Knochen und verarbeiteter Stein. Die Römer haben sich auf dem Jensberge nicht vor Augustus niedergelassen. Die Stellung war indess für sie noch wichtiger als für die Helvetier, indem sie der Mittelpunkt all‘ der Niederlassungern namentlich im Norden bei Port, Brügg, Studen u.s.w., man möchte sagen, ihre Citadelle war. Besonders der östliche Abhang ist von ihnen besiedelt gewesen und zwar in einer Ausdehnung von 15-16 Jucharten, so dass man von einer Stadt zu sprechen geneigt ist. Jetzt liegt sie in Trümmern. Der Boden, auf dem Waldwuchs, ist spärlich gerodet worden, so dass auch eine planmässige Erforschung nicht so viel zu Tage fördern würde, wie man sich versprechen möchte. Die wichtigsten Funde, die gemacht wurden, betreffen Münzen aus der Zeit von Augustus bis in das 4.Jahrhundert, eine grosse Menge Thonscherben, Ziegel, Pflaster der Strasse, Grundmauern von Gebäuden, Hausgeräthe, Schmuck, eiserne Votiväxte und dergleichen. Den ersten Einfall der Alemannen im Jahre 260 hat petinesca überstanden; jedenfakks stand die Stadt noch darnach, wie aus den Münzen hervorgeht. Als aber dieses germanische Volk zum zweiten Male in Helvetien einbrach und sich hier niederliess, muss petinesca zu Grunde gegangen sein; man hat keine Spuren späterer Zeit, am wenigsten alemasnnischer Herkunft, auf dem Jensberg gefunden.
Etymologisch
Der nur in zwei römischen Itenerarien überlieferte Name bezeichnete ursprünglich vielleicht das gallische Refugium oder Oppidum auf dem Jäissberg, bevor er auf die an dessen südöstlichem Fuss liegende römische Ansiedlung und stark befestigte Strassenstation zwischen Aventicum und Salodurum übertraagen wurde (Pauly/Wissowa 37(1937), 1152;Staehelin, Schweiz, 309 ff.)Damit identisch scheint nach den Entfernungsangaben das von Ptolemaios erwähnte Forum Tiberii zu sein. Im 19.Jh. wurde der vergessene und nicht abschliessend zu deutende Name für das Gebiet der römischen Ausgrabungen am Studenberg neu geprägt.
Das LSG (857, Studen) erkennt in ihm eine Bildung mit dem lat. PN Petinius, Paetinius (Schulze, Lateinische Eigennamen, 205, 366;Kajanto, Latin Cognomina, 239) und dem lat. (Lehn-) Suffix -isca (vgl. Müller, Toponymie Suisse, 566;Besse; Namenpaare, 54f.) analog den zwei Gemeoindenamen Barbarêche FR(<* (villa) Barbarisca < Besitz des Barbar(i)us>; LSG 120f) und Vevey VD (<Vibisco um 280 <Besitz des Vibius/Vivius>; LSG, 921). Doch hat das lat. Suffix -iscus-/-isca keine ursprüngliche toponymische Funktion. Vielmehr werden damit in der Regel aus Toponymen vereinzelte Bewohnernamen bzw. PNN (vgl. Syriscus <der Syrer>, Therciscus <der Thraker>; Rohlfs, Grammatica storica III, 1120) und vor allem Stammesnamen gebildet (vgl. Aravisci <Volk an der Raab>, Scordisci <Volk am Schardag>, Taurisci <Hochgebirgs- , Alpenvolk; Holder, Sprachschatz II, 78). Entsprechend erkennt Siegrist (Vevey, 243 f.) im SN Vevey mit dem Beleg (*fundus) Vibisco eine Bildung mit einem PN *Vibiscus/Viviscus <Anwohner der Vivisia>, der seinerseits auf dem GwN Veveyse < *Vivisia <Doppelbach> basiert. Mit diesen Überlegungen müsste Petinesca mit einem Ethnonym *Petinisci oder einem PN Petinicus gebildet sein, dessen Grundlage beim gegenwärtigen Kenntnisstand nicht zu klären ist.