Oltigen

Französisch Ostranges, Oltingin 1006, Oltudenges um 1060, 1107 Oltudenchus, Otolgendes, Othodenges 1166, Oltudenges 1225, Oultingin 1241, Oldingin 12534, Oltingen 1262, Outudeinges 1287. Ostringes 1410

Einst Burg und Grafensitz, jetzt Weiler von 150 Einwohner in 23 Häusern in der Kirch- und Einwohnergemeinde Radelfingen, Amt Aarberg, am Zusammenfluss der Aare und Saane, am rechten Ufer, ¾ Stunden von Frieswyl, 1 ¼ von Radelfingen, 2 von Aarberg und 4 von Bern entfernt. Es ist nicht zu verwechseln mit Dorf und Herrschaft gleichen Namens im Baselbiet.

„Eine Viertelstunde unterhalb des Zusammenflusses am rechten Aarufer fällt ein westlicher Ausläufer der den Frieswylhubel umgebenden Hochebene in zwei Fluhkuppen fast 300‘ tief steil gegen den Fluss ab. An den Fuss dieser bewaldeten Fluh schmiegt sich ein stilles einsames Dörfchen, Oltigen, von welchem aus eine wenig benützte Fähre auf das linke Aarufer führt. Auf dessen Anhöhe sind die ½ Stunde entfernten, zum Amt Laupen gehörenden Ortschaften Wyleroltigen und Golaten sichtbar. Mit Mühe entdeckt man an der äussersten Fluhkuppe unter der obersten Erdschichte noch einiges Mauerwerk. Dies ist der Ort der uralten Burg Oltigen“ So schreibt Nationalrath Bähler in seiner  trefflichen Beschichte von Oltigen; noch fügte er einige Nachrichten über den Quergang im Felsen „Guggelisloch“ bei, der wahrscheinlich ein Sodloch gewesen.

Jahn erzählt (S.9) von eichenen Pfählen in der Aare, Spuren einer römischen Brücke und ist überzeugt, dass an Stelle der Burg einst ein römisches Castell gestanden. Auch sind nach ihm dort burgundisch-Fränkische Grabstätten mit Steinsärgen gefunden worden. Es wäre demnach anzunehmen, das der Ort in Anbetracht der Wichtigkeit des Flussübergangs in den alten und frühmittelalterlichen Zeiten hohe Bedeutung gehabt.

Bei der Auflösung des Karolingerreiches zerfielen dessen Gaue in kleinere Grafschaften. Eine solche war Oltigen im Ober-Aargau, die 1006 zuerst erwähnt wird. ( Ein Graf Eberhard im Ober-Aargau wird 891 und 894 genannt FRB I. 242,254-256, 292)

Von dem Grafengeschlecht von Oltigen sind nur zwei bekannt, Bucco, um 1080 und sein Sohn Cono. Vielleicht ist dieser der Graf, der 1082 von König Heinrich IV. für treue Dienste mit Ergenzach belehnt wurde. Graf Wilhelm von Burgund und Macon nennt 1107 einen Grafen Cono, vielleicht den unsern, seinen Grossvater (FRB I. 248.324, 330, 344, 346, 360) ein zweiter Sohn Buccos, Burkhard war 1055 – 1089 Bischof von Lausanne.

1166 wird ein Cono, Sohn des Herren (Freiherrn) Cono von Otolgendes genannt, der dem Abte von Altenryf seinen Theil vom Zehnten von Treyvaux schenkt (FRB I.449) Es hat also das Geschlecht, auch wenn es sich im Freiherrenstande weiter pflanzte, die Grafenwürde nur kurze Zeit inne gehabt. Dass die Grafen von Fenis (Neuenburg) in ihm ihren Ursprung haben, ist wahrscheinlich, aber nicht erwiesen. Die Bezeichnung Grafschaft von Oltigen verschwindet überhaupt. Welches ihre Ausdehnung gewesen, lässt sich nicht sicher feststellen.

Die Burg, 1166 zuerst erwähnt, blieb der Sitz eines Herrschaftsherrn. Jhre Bedeutung als militärischer Punkt musste zunehmen, als allen festen Plätzen an der Aare, Saane und Sense im Kriege gegen den burgundischen Adel und später gegen Savoyen eine so grosse Rolle zufiel.

Es ist anzunehmen, dass die Herzoge von Zähringen die Grafschaft ihrem Gebiete einverleibten; es wäre sonst schwer zu deuten, wie die Grafen von Kyburg, die sie zum Theil beerbten, in den Besitz von Oltigen gelangten. Jm Februar 1218 starb Berchtold V.; im Juni gab sein Schwager Ulrich von Kyburg seinem Sohne Hartmann von Kyburg unter anderen Herrschaften das Schloss Oltigen zur Aussteuer (FRB II.11-12) „Zwischen den zwei Wassern, vor der Brücke von Oltigen“ verkauften Werner und Hartmann von Kyburg 1225 einem welschen Grossen die aus der zähringischen Erbschaft herrührende Kastvogtei von Lausanne (FRB II.71) Hartmann versetzte 1241 seiner Gemahlin Margaretha von Savoyen als Leibgeding die Schlösser Windegg und Oltigen (FRB II.221-230) Graf Hartmann der jüngere von Kyburg wies seinerseits 1254 seiner Gemahlin Elisabeth von Burgund Oltigen und andere Herrschaften als Morgengabe an (FRB II.373) Oltigen gab einem kyburgischen Bezirk den Namen. Es werden 1262 als in diesem Bezirke liegend genannt: Mercin (?)Brügge, Port, Gentharch (?), Bühle, Ligerz, Hardun(?) Büetigen, Schnottwyl, Affoltern, Kosthofen, Kaltenbrunnen, Homberg, Jfinheustzerit (?), Ammerzwyl, Landerswyl, Murzelen, Frieswyl, Säriswyl, Rumetingen, (Runtigen ?)Oltingen,Bottingen;Gerrütti (?), Eschole(?), Schwanden, Ramlo(?), Scheidegg, Neuenschwanden, Heidenschwenden, Schüpbach. Die Mehrzahl dieser Orte liegt auf dem rechten Aarufer (FRB II. 539-540) 1267 wird noch ein besonderer Hof bei Oltigen erwähnt, den Heinrich von Schüpfen kyburgischer Lehnsmann. Mit Erlaubniss der Herrschaft seinem Schwiegersohn Hemmann von Mattstetten vermachte (FRB II.687) 1274 löste die Gräfin Elisabeth eine auf Oltigen haftende Verpfändung, indem ihre Mutter, die Gräfin von Savoyen und Pfalzgräfin von Burgund, ihr 250 Pfund vorschoss; Elisabeth verpfändete ihr wiederum die Burg; Vogt und Mannschaft sollten ihrer Mutter und dem Grafen von Savoyen und Burgund zuziehen. (FRB III.99) Die Herrschaft wurde aber wieder gelöst und kam an die Linie der Grafen von Habsburg, die als Erben der Kyburg fortan deren Namen trugen. (FRB III. 131, IV.463) 1302 war sie wieder verpfändet und zwar an den Ritter Ulrich von Thorberg (Kopp eidg. Bünde III. 2 S. 319 N 6) Katharina von Kyburg, Tochter Hartmanns und Gemahlin Albrechts von Werdenberg, verkaufte 1323 ihre Güter zwischen Aare, Zihl, Leberberg bis Neuenstadt dem Grafen Rudolf von Neuenburg-Nidau (FRB V. 382,450)

 Noch behielten Katharina und ihr Gemahl Oltigen, die Burg und die Leute und Güter, die dazu gehörten. Für diese Herrschaft schlossen sie 1331 ein Burgerrecht mit Bern auf zwanzig Jahre (FRB V.822) Es war dies in dem eben damals ansprechenden Kriege von Wichtigkeit, indem die Berner nun über zwei feste Plätze an der Saane verfügten: Laupen und Oltigen. Merkwürdigerweise wird Oltigen im Laupenkriege niemals erwähnt. Nach jenem Burgrechtsvertrag hätte es den Bernern helfen sollen. Doch erscheint schon 1342 Elisabeth von Kyburg wieder im Besitze von Oltigen, ohne dass bekannt wäre, wann und wie sie dazu gelangte (FRB VI.633) Allein 1363 gaben die verschuldeten Kyburger ihre Städte und Burgen Burgdorf, Thun und Oltigen ihren Vettern, den Herzogen von Oesterreich, auf und nahmen sie von ihnen zu Lehen (Solothurner Wochen Blatt 1823, 405) Bei Geldaufnahmen, die bald darauf folgten, wurde Oltigen den Freiburgern 1379 verpfändet, 1385 aber wieder gelöst. (Solothurner Wochen Blatt 1827 . 300 – 301, 310)

Durch Erbe scheint Oltigen am Ende des 14. Jahrhunderts an den Grafen Konrad von Neuenbuurg aus dem Hause Freiburg gelangt zu sein, der in engen Beziehungen zu dem Grafen Amadeus VIII. von Savoyen stand und zu dessen Vasallen gehörte. Amadeus kam in den Besitz von Oltigen und verlieh es dem Hugo Burkhard (Borquardi) aus Mümpelgard, gewöhnlich Hugo von Mümpelgard genannt, der in Bern das Burgerrecht genommen (M.v.Stürlers Briefe III. 249, N.8 in der bernischen Stadtbibliothek) Bereiits 1402 wird Jungherr Hügli v.M.Herr zu Oltigen genannt (Bieler Stadtrechnungen) Hugo gab am 24.Februar 1410 sein Lehen, Schloss und was davon abhieng, dem Grafen Amadeus von Savoyen auf, nahm es aber von ihm wieder zu Lehen. Er erhielt noch 600 Florin, um sich in der Grafschaft Savoyen Güter zu kaufen, die er auch als Lehen des Grafen anerkennen sollte. Er hat dieses Vorhaben kaum ausgeführt: im Mai desselben Jahres 1410 verlor er Herrschaft und Leben; seine Unterthanen, empört über seine Gewaltthätigkeit, erschlugen ihn und zerstörten die Burg. Bern hatte sie nicht unterstützt, aber mit den Verhältnissen, wie sie nun waren, konnte es nur zufrieden sein. So hiess es bald, es habe jene aufgestachelt, worauf es in einem Schreiben an Savoyen sich von jeder Mitschuld reinigte. Savoyen verlangte den Heimfall des Lehens. Bern aber war entschlossen, sich dessen selbst zu bemächtigen. Ein Krieg drohte auszubrechen; Dank den Bemühungen, namentlich des Grafen Konrad, wurde er vermieden. Dieser versprach Hugos Erben zu entschädigen und sie zur Abtretung ihrer Rechte auf Oltigen zu bewegen. Das geschah denn auch. Agneline de Bouvens, aus einem alten Geschlechte der Landschaft Bresse, des Ermordeten Wittwe, verkaufte ihm Burg und Herrschaft, die er am 18.Januar1412 vom Grafen von Savoyen zu Lehen nahm. Aber schon am 22.August 1412 verkaufte er Oltigen Schloss, Castanei und Herrschaft mit aller Zubehörde und dem Patronat der Kirche von Ferenbalm um 7000 deutsche Gulden an Bern. Savoyen verzichtete auf alle seine Rechte an die Herrschaft. (Acten des Turiner Archivs, gütigst mitgetheilt von Herrn Bollati di St.Pierre, soprintendente algli Archivi Piemontesi in Turin

Mit Savoyen gelang es darauf auch, sich zu verständigen. 1413 erkauften sich die bisher noch leibeigenen Landleute von Oltigen um eine ziemlich hohe Summe von ihrer neuen Herrschaft die persönliche Freiheit. Das Staatsarchiv bewahrt noch drei diesbezüglichen Urkunden auf; sie betreffen die Leute des „Amtes Oltigen“ (Hasel, Oltigen, Ostermanigen, Wiler, Golaten, Bargen, Radelfingern, Landiswyl, Frieswyl, Runntigen, Salvisberg, in der Eye), des „Amtes Uetligen“  (Murzelen, Uetligen, Worblauffen, Säriswyl) und von Affoltern (siehe den Artikel)

 Aus dem gewonnen Gebiete machte Bern eine Vogtei, die Oltigen, Radelfingen, Uetligen, Säriswyl, Frieswyl, Tedligen, Runtigen (links der Aaare) , Gurbrü, Golaten (links der Saane) und Affoltern bei Aarberg umfasste. Aber schon 1413 wurde sie aufgehoben und den Nachbarvogteien und dem Stadtgericht Bern zugetheilt. Es fielen die Gerichte Säriswyl und Frieswyl und mit letzerm Oltigen an das Amt Laupen; später auch noch, was links der Saane lag; das Uebrige kam zu Aarberg. Jm Jahre 1803 gelangte, was auf dem rechten Aarufer lag, ebenfalls zum Amt Aarberg (siehe die Artikel Aarberg und Radelfingen, sowie Laupen in der Heimathkunde des Mittellandes S. 137) Bei diesem ist Oltigen seitdem verblieben.

 Thüring von Ringoltingen, dessen Mutter eine Tochter Hugos von Mümpelgard gewesen, besass 1473 aus dem grossväterlichen Erbe Reben zu Croserand (Grubenthal) bei Neuenstadt (Bern. Staatsarchiv Nr. 639)

Den Namen von Oltigen führen drei Geschlechter, das gräfliche, das  freiherrliche und ein ritterliches. Dieses letztere wird im 13. Und 14. Jahrhundert oft genannt. Vermuthlich hatte es seinen Namen von seiner Stellung:  sein ersterwähnter , Bucco ist Schultheiss ( wohl dasselbe wie Advocatus und Castellanus) von Oltigen 1249. Bähler zählt gegen 40 „ von Oltigen“ auf, deren verwandtschaftliche Beziehungen aber fast sämmtlich unbekannt sind. Sie haben Güter zu Kalnach, zu Twann, zu Brugg und Biel; ihrer welche sind Burger zu Burgdorf und Biel. Den Namen findet man auch unter den Mönchen und Nonnen zu Frienisberg, zu Fraubrunnen und Frauenkappelen (FRB I.c.) Frienisberg besass durch Vergabung Heinrichs von Montenach zwei Schupposen in Oltigen (Frieden, das Kloster Frienisberg s.55) Das Frauenkloster Tedligen besass eine Wiese zu Oltigen, die es 1491 von Peter Salvisberg erkauft hatte (Blaues Register, Tedligen, im bern. Staatsarchiv)

Eine Brücke führte bei Oltigen über den Fluss; ungewiss ist nur, ob über Saane oder Aare, eher über die letztere. 1379 gestaltete Herzog Leopold von Oesterreich der Gräfin von Kyburg den Bau einer Brücke bei ihrer Veste – über die Aare, wird ausdrücklich beigefügt (Bähler 125,126)

Das Bauamt von Bern hatte für seine hier zu beziehenden Zehnten eine Zehntsteuer im Dorfe bis 1798.

Eine Scheibe mit dem Oltiger-Greisen befindet sich unter den schönen Allianz- Wappen der Erlach in Hindelbank. Um 1350 hatte ein Ulrich von Erlach eine Anna von Oltigen (aus dem ritterlichen Geschlechte) geheiratet.

Etymologisch nach Gatschet 1867

Die Burg Iltingen (wird Oltigen gesprochen) am Zusammenfluss der Saane mit der Aare, heisst 1007 (comitatus) Oltinging, 1050 Bucco comes de Oltudenges im Chron. Ch.L; castrum de Otholdenges, Cono dom. De Otoldenges um 1180, Buggo de Oltingin 1248, Oltingen 1256 (Zeerleder).Merkwürdig ist, dass nur französische Urkunden die ältere Gestalt des Ortsnamens bewahrt haben: Oltingen ist Otoldingun, d.h. die Burg der Audwaltingen, der Nachkommen des Audovald (Greg. Tur. X, 3) , Odald (Polyptych. Irmin,S. 123) Audald, Odolt (Mon. Boica, ann. 780.837) ein Name, der durtch « Reichbegütert » wiedergegeben werden kann. Der Stamm AUD enthält das ags. Eàd Besitz, Reichthum; in der Endung liegt, wie in Answalt, der Stamm waltan, walten, regieren.